Kultur : ¡Adiós!

Das letzte Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker in der Arena: Sasha Waltz choreografiert „Carmen“.

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Torero in der Arena der Leidenschaften. Szene aus „Carmen“. Foto: Monika Rittershaus
Torero in der Arena der Leidenschaften. Szene aus „Carmen“. Foto: Monika Rittershaus

Sie kommen nicht los von Carmen: Für ihr zehntes (und letztes) Tanzprojekt haben die Berliner Philharmoniker Rodion Schtschedrins Suite ausgewählt. Nach Bizets Oper, die sie in Berlin konzertant und in Salzburg szenisch gegeben haben, nun also der Verschnitt. Doch wie nicht anders zu erwarten, gewinnen Sir Simon Rattle und seine Musiker dieser rumpeligen Ballettmusik noch eine gewisse Klangschönheit ab.

Sasha Waltz begibt sich in ihrer Choreografie zusammen mit rund 120 Schülern und Schülerinnen auf die Spuren des „Carmen“-Mythos. Gemeinsam mit Rattle entsteigen die Jugendlichen anfangs einem echten BVG–Doppeldecker, andere radeln auch durchs Arena-Rund. Die Mädchen haben sich aufgerüscht wie für eine Party. Waltz verzichtet weitgehend auf Exotismen. Sie lässt die Geschichte von Leidenschaft und Freiheitsdrang in unserer Gegenwart spielen. Für Waltz ist Carmen zuallererst eine selbstbestimmte Frau – darin liegt ihre Provokation. Die Mädchen sind darum hier keine blutjungen Verführerinnen. Wie überhaupt nie der Casting-Show-Effekt auftritt: dass Teenager die „glamourösen“ Posen von Stars und Models kopieren. Zur Habanera treten die Mädchen so selbstbewusst wie träumerisch auf. Die Jungs geben sich cool mit angedeuteten Hiphop- Moves. Die Figur der Carmen tritt in vielfacher Gestalt auf. Wie die Mädchen rangehen, wie sie dem auserwählten Jungen das rote Tuch um den Hals legen, ist hinreißend.

Schon das erste Tanzprojekt des Education-Programms war ein überwältigender Erfolg, vor allem als Film unter dem Titel „Rhythm is it“: Royston Maldoom hatte „Le Sacre du printemps“ mit 250 Berliner Kids aus 25 Nationen erarbeitet, die zuvor nie mit klassischer Musik in Berührung gekommen waren. Maldoom bewies: Tanz ist eine wunderbare Methode, um sich der Musik zu öffnen - und zudem im Zusammenspiel mit anderen die eigenen Potenziale zu entdecken.

Seitdem haben die Philharmoniker immer wieder renommierte Choreografen wie Mathilde Monnier oder Xavier Le Roy eingeladen. Auch Sasha Waltz hat sich mit großen Engagement und Enthusiasmus auf „Carmen“ gestürzt, gleich 23 ihrer Tänzer waren als Assistenten eingespannt.

Die Schüler hatten so die Gelegenheit, intensiv und individuell mit den Profis zu arbeiten. Das sieht man dem Resultat an. In den großen Tableaus unterwirft sie die Masse keinem Drill, zeigt vielmehr einen wogenden Schwarm, eine verzückte Menge. Immer wieder splittet sie die Gruppe auf zu Dutzenden von Duetten. Oft weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll. Manchmal verlieren sich die Aktionen in der riesigen Arena. Doch dann wieder entsteht aus vielen kleinen Drehungen ein großer Tanzwirbel. Einige der pas de deux sind recht fordernd, hier hat Waltz etwas riskiert. Der Liebestod stimmt doppelt traurig: Denn dies war definitiv das letzte Education-Tanzprojekt der Philharmoniker – ab der kommenden Saison wird es für die Jugendlichen ein Gesangsprojekt geben, betreut von Simon Halsey, dem Chef des Rundfunkchors Berlin. Sandra Luzina

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