Kultur : Adler über Giza

Vorbildlich: Das Ägyptische Museum Kairo ehrt den deutschen Archäologen Richard Lepsius

Michael Zajonz

Ein Berliner überragt das Gewimmel von Kairo. Hoch oben prangt sein Name an der Fassade des Ägyptischen Museums. Zweieinhalb Millionen Besucher pro Jahr können ihn dort lesen: Richard Lepsius. Im palmenbeschatteten Vorgarten des 1902 eröffneten und nicht nur wegen Tutanchamun weltberühmten Museums steht seine Büste im Kreis der Kollegen, von Jean François Champollion, dem Entzifferer der Hieroglyphen, bis zum Museumsgründer Auguste Mariette.

Lepsius zählt zu den Ahnherrn der Ägyptologie, der Wissenschaft von der Schrift, Kunst und Kultur Altägyptens, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Der Deutsche gilt als Vollender von Champollions Jahrhundertentdeckung. Und als Erster, der dessen System durch Feldforschung in Ägypten überprüfen konnte. In Kairo ist das Andenken an Lepsius greifbar. In Berlin scheint es längst verblasst zu sein.

Das könnte sich nun ändern: über den Umweg nach Kairo. In der vergangenen Woche wurde im Ägyptischen Museum Kairo unter dem Titel „Lepsius – Die deutsche Expedition an den Nil“ eine von Agnete von Specht kuratierte Präsentation der Staatlichen Museen zu Berlin eröffnet. Gezeigt wird eine wunderbar konzentrierte Auswahl aus den rund 2000 bis heute weitgehend unbekannten Zeichnungen, die während der preußischen Ägyptenexpedition zwischen 1842 und 1845 entstanden sind. Dazu Tagebuchaufzeichnungen, Pläne, Andenken der Expeditionsteilnehmer – und die Lepsius-Büste aus dem Garten des Museums.

Die Ausstellung wird in Ägypten als kulturpolitisches Signal verstanden. Als Kooperationspartner beteiligen sich erstmals die Ägyptische Antikenverwaltung, das Kairoer Museum, die Berliner Museen und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Zudem läutet die Ausstellung das Jubiläumsjahr ein, mit dem das Deutsche Archäologische Institut in Kairo 2007 seine 100-jährige Präsenz vor Ort begehen wird.

Zur Ausstellungseröffnung ist auch eine Delegation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Präsident Klaus-Dieter Lehmann und Museums-Generaldirektor Peter-Klaus Schuster angereist. Lehmann betonte in seinem Grußwort die Rolle der Archäologen als Mittler zwischen den Völkern – und gab damit diplomatisch den Ton vor. Beim Thema Archäologie schwingen selbst dort postkoloniale Empfindlichkeiten mit, wo es wie zwischen Deutschland und Ägypten nie direkte politische Abhängigkeit gegeben hat.

Lehmanns Botschaft erreichte seine Gastgeber. Vom innigen Wunsch vieler Ägypter nach der Rückgabe altägyptischer Kunstwerke – immer mit Blick auf die Berliner Nofretete-Büste – war während der Eröffnungstage kaum etwas zu hören. Ob die Aufbruchsstimmung ausreicht, um Nofretete als Leihgabe für ein paar Monate nach Kairo zu holen, darf bezweifelt werden. Der Erfolg wäre Wafaa al Saddik, der beherzten Generaldirektorin des Ägyptischen Museum, zu gönnen. Nur: Wer kann in einem Land, in dem der Volkszorn lenkbar ist, garantieren, dass die schöne Königin ungehindert nach Berlin zurückkehren würde?

Es bleibt eine Frage gegenseitigen Fingerspitzengefühls, sich über die vor mehr als 150 Jahren (damals meist rechtmäßig) ausgeführten Kunstwerke zu verständigen. Lepsius war im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Ägypten gekommen, um attraktive Ausstellungsstücke für Berlin zu gewinnen. Vom osmanischen Statthalter Ägyptens Mehmed Ali wohlwollend genehmigt, brachte er schließlich 1500 Objekte heim. Seine historische Lebensleistung gründet jedoch weniger auf dem materiellen, sondern auf dem wissenschaftlichen Ertrag der Nilexpedition.

Lepsius war eine Forscherpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts: Feldforscher und Systematiker, Abenteurer und Akademiker. Die Ägyptologie fiel dem 1810 in Naumburg geborenen Philologen in den Schoß. 1833 suchten Alexander von Humboldt und der preußische Gesandte Carl Josias von Bunsen einen Wissenschaftler, der in Champollions Fußstapfen treten könnte – und bestürmten Lepsius.

Dieser nahm die Karriereumplanung nur zögernd in Kauf, um sich dann jedoch mit umso beeindruckenderem Tempo einzuarbeiten. Als er Ende der 1830er Jahre generalstabsmäßig die preußische Forschungsexpedition nach Ägypten zu planen beginnt, gehört er zu den internationalen Koryphäen des Fachs. Den Reiseplan genehmigt Friedrich Wilhelm IV. Ende 1840 – und erhöht die Mittel auf das Doppelte. Als Reisebegleiter wählt Lepsius die Architekten Georg Erbkam und James Wild, den Maler Johann Jacob Frey, den Bildhauer Joseph Bonomi, die Zeichner Ernst und Max Weidenbach sowie den Gipsformer Carl Franke. Im Spätsommer 1842 kann es losgehen.

Über Kairo reist man nach Giza und Sakkara. Am 15. Oktober 1842, Königs Geburtstag, weht über der Cheopspyramide der Preußenadler. Bei Hawara gelingt es, in Ziegelmauern das von Herodot beschriebene Labyrinth zu identifizieren. Weiter südlich geht es, bis weit in die nubische Wüste. Überall suchen Lepsius’ Männer nach Tempeln und Grabanlagen. Sie zeichnen Bestandspläne und Wanddekorationen, aquarellieren berückend schöne Panoramaansichten und kopieren Inschriften. Es ist die letzte große Expedition, die ohne die Fotografie auskommen muss. Endresultat sind die „Denkmaeler aus Aegypten und Aethiopien“, zwischen 1849 und 1913 in Berlin erschienen: insgesamt 12 Bände mit 900 großen Abbildungstafeln, noch heute ein Referenzwerk. Sie dokumentieren, was inzwischen vielerorts verschwunden ist.

Noch während seiner Reise entwirft Lepsius einzigartige Raumdekorationen für die Ägyptische Abteilung des im Bau befindlichen Neuen Museums in Berlin. Der Ägyptische Hof mit den exakt nachgebildeten Säulen des Ramesseum ist im Zweiten Weltkrieg untergegangen. Doch das Neue Museum wird nach der Generalsanierung ab 2009 ein zentraler Erinnerungsort für Richard Lepsius sein. 2010 wäre sein 200. Geburtstag. Spätestens dann wünscht man sich eine so gelungene Ausstellung auch für Berlin.

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