• Adám Bodor erzählt vom politischen Versinken einer Grenzregion im Dekor ihrer verblichenen Hoffnungen

Kultur : Adám Bodor erzählt vom politischen Versinken einer Grenzregion im Dekor ihrer verblichenen Hoffnungen

Nicole Henneberg

Es ist nur eine vage Hoffnung, die den jungen Gabriel in das Grenzgebiet zwischen Ungarn, Rumänien und der Ukraine reisen lässt. Er hofft, die sterblichen Überreste seines Vaters, des Menschenschmugglers Victor, der hier ermordet wurde, abholen zu können; aber die Welt, in die er gerät, ist ihm in ihrer halb bäuerlichen, halb restsozialistischen Prägung rätselhaft. Schon die Anfangsepisode des zweiten, auf Deutsch erschienenen Romans von Adám Bodor lässt ahnen, welche Hindernisse Gabriel überwinden muss - nicht nur, um den Müllbergen, die sich rings um das (fiktive) Dorf Bogdanski Dolina am Fuß der Karpaten türmen, zu entkommen. Bald findet er sich, von den Ausdünstungen der gigantischen Mülldeponie am Ortsrand betäubt, ausgeraubt wieder und sitzt fest.

Adám Bodor, 1936 im siebenbürgischen Klausenburg geboren, übersiedelte 1982 nach Ungarn und lebt heute in Budapest. Als typisch für seine, wie für die gesamte ungarische Literatur, lässt sich der spielerischfreie, aber gleichzeitig schonungslose Umgang mit der Vergangenheit benennen - in Ungarn gelang es den Machthabern nicht, die Künstler und Intellektuellen mit den Verdikten des sozialistischen Realismus aus der europäischen Geistesgeschichte zu kippen. So entstanden und entstehen eigenwillige Romane und Erzählungen, die eine aufgewühlte Gesellschaft beschreiben, der ihre Skurrilitäten so wichtig sind wie ihre Beschädigungen.

Bodor erzählt die Geschichte eines regionalen Versinkens nach der politischen Wende. Ihre lakonische, manchmal bittere Ironie speist sich aus dem Dekor verblichener Hoffnungen, mit dem sich die Personen wie mit Feigenblättern schmücken. Die beiden jugendlichen Hauptfiguren, der elternlose Erzähler und sein Spiegelbild, ein Fremder aus dem Donaudelta, umkreisen einander. Ein ewiger Wanderer ist dieser Angereiste, der es gewohnt ist, sich klaglos dem Schicksal zu unterwerfen. Außer dem nächsten Tag hat er nichts zu gewinnen oder zu verlieren. So durchstreift er, vom Erzähler argwöhnisch beobachtet, das Dorf und die gebirgige Umgebung, spricht mit Einsiedlern, die eigentlich übriggebliebene Bergleute sind, wie mit kindlich-brutalen Seminaristen und versteckt sich ansonsten vor der hiesigen Securitate, den Tiraspoler Hundeführern (Tiraspol liegt heute in Moldavien, unweit von Odessa).

Er wohnt neben dem Zentrum der politischen und erotischen Macht, dem Friseursalon, und arbeitet, vom Präfekten kurzerhand zum Feldgeistlichen ernannt, in der sogenannten Quarantänestation; einem für diese Gegend paradigmatischen Ort, an dem auch eigenständiges Denken als ansteckende Krankheit gilt: "Das Viertel der Lungenkranken war ein graues, staubiges Barackenlager jenseits des Bahndamms und noch diesseits der Midia-Wiese, dahinter ragten nur noch die Müllberge in den Himmel."

"Der Besuch des Erzbischofs" ist ein verstörend amüsanter Dorfroman. Er kreist um Bilder, die wuchtig und elegant eine Welt darstellen, in der Despotismus und Rückständigkeit, Angst, Trotz und Einsamkeit die Charaktere und Biographien der Menschen bestimmen. Spektakulär können nur die kleine Fluchten sein.

Beides kennt man aus der ungarischen Literatur. Ob nun, Adám Bodor literarisch verwandt, László Krasznahorkai die ausweglose Geschichte einer rückständigen Region erzählt ("Satanstango"), oder Agotá Kristof die grausame Überlebensgeschichte eines autistischen Zwilingspaares am Rande einer Kleinstadt ("Das große Heft") - immer geschieht es in ebenso artifiziellen wie existentiellen Bildern.

In dem eher beiläufig erzählten, nichtsdestotrotz für die Gegend zwischen Czernowitz und der ungarischen Grenze prägnanten Schicksal der Familie Senkowitz lässt Adám Bodor das Verlöschen dieser ganzen Region in der Folge der beiden Weltkriege aufscheinen.

Als vor fünf Jahren Bodors Roman "Schutzgebiet Sinistra" erschien, war die Kritik zu Recht begeistert. Das abgelegene Bergtal, ein Schutgebiet nicht nur für Braunbären, sondern auch für Weltflüchtlinge und Käuze aller Art bildete die ländliche Variante des Ortes Bogdanski Dolina. In Bodors Nachwende-Roman nun versinkt die Natur im Müll; das Verhängnis aber ist das gleiche geblieben. Allen Hoffnungen zum Trotz haben sich weder die Menschen noch die Machtverhältnisse geändert. Zu viele Symbole, zu viele aufgesetzt wirkende Details und Motive lassen den Text streckenweise überfrachtet erscheinen. Doch ein Lesegenuss bleibt das Buch allemal: dank der Kraft und Prägnanz seiner Sprache entsteht das Bild einer Gesellschaft am äußersten Rande der Zivilisation; aber vielleicht beträgt die tatsächliche Entfernung ja nur zwei Flugstunden.Adám Bodor: Der Besuch des Erzbischofs. Erzählung. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Ammann Verlag, Zürich 1999. 137 Seiten. 32 Mark.

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