Adorf zum 80. : Mensch, Mario!

Er sah wie ein Schurke aus und er hat Schurken gespielt, auch wenn diese oft gar nicht so aussahen, sondern wie Unternehmer und Geldbarone. Damit wurde Mario Adorf der beliebteste deutsche Schauspieler. Moritz Rinke gratuliert zum 80. Geburtstag.

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Mario Adorf ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler. Er hat in weit über 120 Film- und Fernsehrollen und in zahlreichen Theaterstücken mitgewirkt. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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08.09.2010 09:39Mario Adorf ist einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler. Er hat in weit über 120 Film- und Fernsehrollen und in zahlreichen...

Seine abenteuerliche Geburt, fast in einem sizilianischen Bummelzug bei 45 Grad. Seine geheimnisvolle Herkunft und dieser kalabresische Vater von der italienischen Stiefelspitze. Das Mayener Waisenhaus in der Eifel, in dem der junge Mario mit Nonnen lebte. Die Bomben, denen er durch immer wieder wundersame Fügungen entkam. Die Nähmaschine der Mutter, die ihn im Krieg ernährte und von der sich Adorf bis heute nicht trennen kann. Die Nymphomanin, die ihm unter Wasser die Unschuld nahm, überhaupt die Frauen. Und natürlich die hohe Kunst: München, die Kammerspiele, der große Fritz Kortner. Dann die ersten Mörderrollen im Film. Danach Hollywood, die Western, weitere Schurken. Und Brigitte Bardot, Sean Connery, Claudia Cardinale. Zimmer an Zimmer mit Marlene Dietrich in einem Pariser Hotel. Direkt nach Moskau mitten in die kälteste Breschnew-Ära. Wodka, KGB, irre Russinnen. In Libyen im Gefängnis, weil er den König beleidigt hatte. Dann Billy Wilder, dann Neuer Deutscher Film: „Die Blechtrommel“ mit Schlöndorff, mit dem Adorf auch den ersten deutschen Oscar mitgewann.

Vielleicht müsste man hier einmal stoppen. Das war ja jetzt schon 1979, da war ich schon geboren und hatte Mario Adorf im Fernsehen gesehen. Wie er Winnetous Schwester Nscho-Tschi ermordete! Das war in „Winnetou I“, und Mario Adorf spielte den Banditen Santer. Ich kann mich erinnern, dass ich ihn als Kind noch einmal in dem Robin-Hood-Film „Der feurige Pfeil der Rache“ sah, da spielte er eigentlich einen Guten, der nur die Reichen ausraubte, trotzdem sah ich in Mario Adorf alles Schlechte der Menschheit: Dieser Mann hatte Nscho-Tschi, die Schwester des Apachenhäuptlings heimtückisch erschossen. Und dann in der berühmten „Blechtrommel“- Verfilmung die süße Brause-Maria so schlimm auf einem Sofa bestiegen, dass mein Vater mir die Hand vor die Augen hielt.

Es ist eigentlich ein Wunder, dass dieser Mario Adorf zum beliebtesten Schauspieler Deutschlands wurde.

40 Jahre nach Winnetou habe ich Adorf kennengelernt, wir arbeiteten an der Rolle des Hagen von Tronje aus den „Nibelungen“, die ich neu schreiben und die er spielen sollte. Zuerst dachte ich, das ist ja klar: Wer Nscho-Tschi ermordet, der will hier natürlich auch den Hagen geben! Dann sah ich mir alte Filme an: „Nachts, wenn der Teufel kam“, Adorfs erster großer Film, in dem er den Massenmörder Bruno Lüdke spielte. Keine Bestie, kein Klischee eines Schurkenfilms, sondern Adorf ließ alles durchscheinen in diesem Lüdke: seine Trauer, sein Verlorensein in Nazi-Deutschland, seine Scham, seine Angst vor sich, manchmal sogar seinen Humor.

Adorf erzählte mir von einer Szene, die rausgeschnitten wurde: Lüdke hatte sich ein wenig in eine Frau verguckt, und die Zuschauer wussten noch nicht, ob er sie nun morden oder lieben wollte. Doch dann hörte er, dass sie von der SS abgeholt worden sei. Adorf hatte diese Szene offenbar sehr nachdenklich angelegt, fast erschüttert, auch um zu zeigen, dass die schwarze Nazi-Garde schneller und grausamer war als dieser arme Teufel. Und bei der Premiere in Duisburg 1957, wo Adorf erstmals als Filmstar gefeiert wurde, stand er auf und schrie den Regisseur an, wo denn die wichtigste Szene sei.

Diese Geschichte erzählt viel über den Schauspieler Adorf. Wie er Figuren verteidigt. Und wie er vor allem seine Mörder verteidigte: „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“, „Vergeltung in Catano“, besonders schön in „Bomber und Paganini“, als Adorf einen behinderten Kriminellen spielte – in all solchen Filmen sah man ihm die Empathie für seine Figuren an, er schien immer durchlässig für einen Schmerz hinter dem Töten. Vielleicht war Adorf darin auch zu sehr Theatermann, Kortner-Schüler, Kenner der großen Shakespeare-Stücke (Othello-Darsteller!), durch die man begreifen konnte, was das Menschliche alles umfassen kann.

Adorfs Liebe sowohl zum Theater als auch zum Film brachte ihn oft in große Nöte. Tagsüber Filme, abends Theater, was nicht immer planmäßig verlaufen konnte. Unvergessen, wie er tagsüber als Massenmörder Lüdke mit Handschellen vor dem Gericht saß, die Dreharbeiten sich mehr und mehr hinzogen und Adorf immer panischer wurde. Am Ende war der Requisiteur mit dem Schlüssel für die Handschellen nach Hause gegangen, und Adorf sprang einfach so ins Auto, um in den Kammerspielen einen französischen Offizier in dem Stück „Die Affäre Dreyfus“ zu spielen. Polizeikontrolle! Der Schauspieler wird abgeführt. „Ich bin Mario Adorf!“, ruft er verzweifelt. „Die Handschellen sind gar nicht echt! Ich komme vom Film, ich spiele gerade den Massenmörder Lüdke, heiße aber in Wirklichkeit Adorf, Mario Adorf, der Requisiteur ist mit dem Schlüssel …“

Es nützte alles nichts, gegen bayerische Polizisten war die Kunst machtlos.

Durch das ganze bunte Adorf-Leben ziehen sich solche Geschichten, und Adorf hat viele in seiner Doppelbegabung aufgeschrieben, in „Himmel und Erde“, auch in dem zärtlichen Buch über seine Mutter, sowie als Prosa-Autor in „Der Mäusetöter & Der Fenstersturz“ und seinem neuesten, gerade erschienenen Geschichten-Band.

Eine der typischen Adorf-Geschichten und Anekdoten ist diese: 1945, nach dem Krieg, saß Adorfs Mutter in der Eifel wieder hinter ihrer Nähmaschine, als der junge Adorf vom Bach zurückkam, wo er Hitlers „Mein Kampf“ versenkt hatte. Als er die Wohnung betreten wollte, hörte er eine männliche Stimme und sah einen amerikanischen Soldaten, der sich über seine Mutter beugte. Adorf nahm seinen Finnendolch, näherte sich wie Hagen von Tronje dem Rücken des Amerikaners, bis ihm plötzlich dämmerte, dass der Soldat mit seiner Mutter den Dialekt der Neapolitaner übte, er hatte selbst wie Adorf einen italienischen Vater, den er nicht kannte. Adorf beschreibt diese Szene, wie er mindestens zwei Minuten mit dem erhobenen Dolch hinter dem Amerikaner stand, um seine Mutter zu retten, ausführlich in „Himmel und Erde“. Und diese frühe Szene zeigt auch schon sehr deutlich, wie gern Adorf die Helden spielen wollte.

Richtige Helden waren ihm aber nie vergönnt. Adorf wurde nach den Schurken in den 50er und 60er Jahren mehr und mehr zum Spezialisten für die gehobenen Verbrecher: In „Allein gegen die Mafia“, der erfolgreichsten italienischen Fernsehserie aller Zeiten, spielte Adorf den Salvatore Frolo, der aus Rache an der Mafia töten will; in Dieter Wedels berühmtem Fernsehklassiker „Der Schattenmann“ überragte Adorf als Mafiaboss Jan Herzog in einer unvergleichlichen Spannung aus Charme und Kälte; in Margarete von Trottas und Volker Schlöndorffs Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gab Adorf den unangenehmen Kommissar Beizmenne.

Man könnte die Reihe dieser „menschlichen Unmenschen“, dieser adorftypischen, adorfhaften Grenzgänger zwischen Sympathie und Abscheu fortsetzen: In Rainer Werner Fassbinders „Lola“ war Adorf der neureiche Baulöwe Schuckert, der die ganze Stadt korrumpiert und der natürlich – auch dies adorfhaft – in Lola eine junge Geliebte hat. Überhaupt immer wieder die Baulöwen, Unternehmer und Patriarchen wie in Wedels zweitem Fernsehklassiker „Der große Bellheim“. Garant war da auch stets Adorfs mächtige, durchtrainierte Statur, die er sein Leben lang in der Spannung eines körperbewussten Gourmets hielt, bis heute. Es gibt wohl keinen sportlicheren und imposanteren 80-Jährigen auf der Welt als Mario Adorf.

Und keinen kosmopolitischeren. Adorf lebt in St. Tropez mit seiner Frau, bis vor kurzem noch in München, auf jeden Fall auch in Rom, in Trastevere, wo man ihn regelmäßig trifft in der Trattoria All’ Arco di S. Calisto, nahe der Piazza St. Maria. Meist sitzt er dort und diskutiert mit dem Ober über Rotweine oder Berlusconi.

Als ich Student war und eine Freundin in Rom hatte, sah ich den imposanten Mann zum ersten Mal lebensecht in jener Trattoria. Er speiste dort mit seinem alten Freund Peter Berling, einem Vertrauten und Produzenten aus dem berühmten Fassbinder-Clan. Berling, gegen den Adorf ein Strichmännchen war, schrieb mittlerweile 1000-seitige historische Krimis mit Mönchen, Verschwörungen, Gralssuchen etc., die meine römische Freundin immer abtippte, weil Berling alles mit der Hand niederschrieb.

Einmal beobachtete ich, während meine Freundin oben in Berlings kleiner, vollgestopfter Wohnung weiter dessen Hieroglyphen abtippte, wie Berling auf Adorf einredete. Jesus von Nazareth sei mit Maria Magdalena verheiratet gewesen, sie sollen sogar leibliche Nachkommen gehabt haben, die Merowingerkönige zum Beispiel, vielleicht sogar François Mitterrand! „Mensch, Mario, was hältst du davon, dass Jesus Sex mit Magdalena hatte und vielleicht mit François Mitterrand verwandt ist?!“, fragte Berling.

„Na, rate mal, warum ich hauptsächlich in Frankreich lebe!“, antwortete Adorf.

Eine sehr gute Antwort, fand ich damals. Außerdem sagte Adorf noch: „Wenn Jesus ein Mensch gewesen ist, dann war alles möglich.“

Und das passte auch wieder in die adorfhafte Lust am Widersprüchlichen. Nie glaubt er an das Nur-Reine, Nur-Heilige, Gute und Schöne, an das Lineare, weder in Figuren, noch im Leben, geschweige denn in der Ehe oder sonst wo. Menschen ohne Kanten und Geheimnisse und ohne Teufel interessieren ihn überhaupt nicht. Vielleicht faszinierte ihn deshalb der von Skandalen, von Zärtlichkeiten wie Grausamkeiten umwitterte Regisseur Rainer Werner Fassbinder, der Adorf als Erster eine homosexuelle Rolle anbot, die er allerdings dankend ablehnte. Vielleicht kamen so auch Adorf und Dieter Wedel zusammen, die gemeinsam Fernsehgeschichte schrieben und sich dann so filmreif verkrachten, dass der ganze Boulevard einen Sommer lang den Atem anhielt.

Das war bei den Nibelungenfestspielen in Worms, wo Wedel Regie führte und Adorf den Hagen spielte. Ich hatte den Bruch kommen sehen schon während der Proben, es war einer dieser typischen Machtkämpfe von Männern, die ich ebenfalls bei Gerhard Schröder und Joschka Fischer beobachtet hatte, die sich nicht einigen konnten, wer durch wen zur absoluten Größe gelangte. Verhalf Fischer Schröder zur Macht? Oder verhalf Schröder Fischer zur Macht? Machte Wedel Adorf zum beliebtesten Schauspieler, oder verhalf Adorf mit seinem tollen Spiel Wedel zum Fernsehklassiker? Was sollte ich also machen während der Proben mit meinen Joschka Adorf und Gerhard Wedel?

Jeden Tag wollte einer der beiden abreisen, ich aber wollte unbedingt, dass meine „Nibelungen“ herauskamen. Also spielte ich den konstruktiven Jago von Shakespeare. Erzählte Adorf jeden Tag in seiner Garderobe, wie Wedel in seinem Regiesessel von ihm, Adorf, schwärme, es nur nicht zugeben könne. Bei Wedel machte ich es genau anders herum: Adorf sei ganz angetan davon, wie er, Wedel, hier den Laden zusammenhalte, höchster Respekt, er könne es nur nicht so richtig zugeben.

Die Jago-Taktik rettete mir die Produktion. Das endgültige Ende des bilateralen Eiertanzes fand erst bei der Fernsehaufzeichnung statt. Da brüllte Adorf plötzlich „Sie Arschloch!“ vor etwa 200 Statisten, Schauspielern, ZDF-Leuten und halb Worms, Wedel brüllte zurück, dann wieder Adorf. Die beiden Männer waren wie eine Naturkatastrophe, und der Streit der Königinnen Brünhild und Kriemhild in meinem Nibelungen-Stück hätte nie eine bessere Besetzung finden können.

Beide Männer werden sich in diesem Leben nichts mehr zu sagen haben, aber wer weiß? Wenn Jesus angeblich Sex mit Magdalena hatte und François Mitterrand ihr Nachkomme war, dann ist nach Adorf bei Menschen alles möglich.

Alt werden ist in der Film- und Theaterwelt eigentlich furchtbar. Auch für Männer. Vergessensein, Verbitterung, Wut auf die Neuen – Adorf hat dies nie wirklich erlebt. Vielleicht hat ihm neben seiner Beliebtheit auch immer seine Verwandlungskraft geholfen, so dass es eben nicht nur bei den Typen und festgelegten Charakteren blieb. Auf die einsilbigen Schurken folgten schnell die doppelgesichtigen, auf die Empathie für die armen Teufel folgte die Kunst der adorfhaften Verführung in Macht und Kriminalität durch Charme (Schade, dass sich Adorf und Berlusconi nicht wirklich ähnlich sehen, das könnte sonst noch eine große Rolle sein, Mussolini hat er ja schließlich auch schon gespielt). Und was auch immer mehr aufleuchtete: Adorfs Witz, sein Humor.

In Helmut Dietls „Rossini“-Film von 1996 spielte Adorf den Restaurantbesitzer Padrone Paolo Rossini, und wie er sich verliebte, wie ihm Krawatten abbrannten und wie er sich mit rasendem Herzen hingab, das war komisch und wundervoll. Als ich Adorf dann meinen Hagen auf den Leib schreiben wollte, stellte ich mir etwas von dieser Zärtlichkeit auch für die bisher immer einseitig, böse und dunkel gezeichnete Figur des Tronje vor. Ich wollte etwas von dieser Hingabe auch für den Staat der Burgunder. Und ich wollte eine absurde Komik im Untergang der Nibelungen. Ich stellte mir Adorf vor wie die Kapelle auf der sinkenden „Titanic“.

Adorfs großer Wunsch ist es, irgendwann einmal Karl Marx zu spielen. Ja, Mario Adorf als Karl Marx, das wäre eine Schlusskapelle auf der Höhe unserer Zeit. Heute ist dieser wundervolle Kapellmeister aller Töne auf der Titanic 80 Jahre alt geworden. Glückwunsch, tanti auguri und Chapeau bas, Signor Mario!

Nachtrag: Beim nochmaligen Ansehen von „Winnetou I“ ist mir jetzt aufgefallen, dass man ja gar nicht erkennen kann, woher der Schuss kam. Dass Mario Adorf Nscho-Tschi erschoss, ist also nur eine Mutmaßung. Ich glaube, es war jemand anderes.

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