Kultur : Aedes: Das ist das Haus vom Nikolaus

Falk Jaeger

Als Kristin Feireiss 1995 zum 15-jährigen Jubiläum der Architekturgalerie Aedes einen Katalog mit Fotos von Eröffnungsveranstaltungen herausgab, es war damals eine Art Familienalbum mit Bildern von Aldo bis Zaha, standen bei den treuesten Aedes-Freunden bereits 120 der quadratischen Aedes-Büchlein im Regal. Inzwischen - die Taktfrequenz hat sich erhöht, seit 1996 mit Aedes East ein zweiter Standort hinzu gekommen ist - sind es schon 210. Allein diese Kontinuität der Arbeit sucht weltweit ihresgleichen. Die ganze Architekturwelt war und ist in der Berliner Galerie vertreten.

Die ganze? Nein, ein Prinzip lassen Kristin Feireiss und ihr Partner Hans Jürgen Commerell walten: Niemand kann sich mit viel Geld eine Ausstellung erkaufen, obgleich die Probleme der Finanzierung des Ausstellungsbetriebs die Galeristen ständig begleiten. Deshalb hat so mancher erfolgreiche Architekt noch nie einen Fuß über die Schwelle der Galerie gesetzt. Bei Aedes ausstellen zu können, ist nach wie vor eine Auszeichnung, ein Qualitätsmerkmal.

Wenn hier unterschiedliche Architekturkonzepte zur Diskussion gestellt werden, so doch nicht immer alle möglichen, denkbaren, populären. Die Postmoderne war im Programm eher spärlich vertreten, mit ihren qualitätvollsten Arbeiten immerhin, von James Stirling, Hans Hollein, Robert Venturi, Aldo Rossi, doch unter kräftigem Gegenwind von Exponenten wie Peter Cook, Coop Himmelb(l)au, Fehling + Gogel, Daniel Libeskind und anderen. Ohne Resonanz blieben bei Aedes West im Stadtbahnbogen 600 am Savignyplatz und bei Aedes East in den Hackeschen Höfen alle retrospektiven Tendenzen der Rekonstruktionsarchitekten. Wenn an einem Ort in der Stadt optimistisch an die Kraft der Gegenwartsarchitektur und deren Mission für die Zukunft geglaubt wird, dann hinter der Tür mit dem "Haus vom Nikolaus", dem Aedes-Markenzeichen.

Als Kristin Feireiss 1980 zusammen mit der 1984 tödlich verunglückten Freundin Helga Retzer in einem kleinen Domizil in der Grolmanstraße die Galerie eröffnete ging es der "Mutter Courage der Architektur" um die Förderung der Baukunst als einer öffentlichen Kunst mit gesellschaftlicher Relevanz. Anfängliche Hoffnungen, analog einer Kunstgalerie in den Handel mit Architekturzeichnungen einzutreten, erwiesen sich rasch als Illusion: Für diese Blätter gibt es kaum einen Markt. Blieb das Engagement für die Sache, das auch dann nicht nachließ, als Kristin Feireiss 1996 die Leitung des Niederländischen Architekturzentrums (NAI) in Rotterdam übernahm, des mit 120 Mitarbeitern weltweit größten Architekturmuseums und -archivs. Einerseits konnte sie die Hauptlast der Galeriearbeit an den Fotografen Hans-Jürgen Commerell abgeben, andererseits profitierte die Galerie von den Synergieeffekten der Achse Rotterdam-Berlin.

1999 wurde die Arbeit auf eine neue Basis gestellt: Aedes East wird von einem gemeinnützigen Förderverein getragen, der nun auch in der Lage ist, Spenden entgegen zu nehmen und öffentliche Fördermittel zu beantragen. Auf diese Weise wird etwa ein großes China-Projekt ermöglicht. Die Tatsache, dass der 20. Geburtstag am 9. Dezember mit einer großen Gala gefeiert wird, bedeutet allerdings nicht, dass der Senat die Sache von Aedes mit Verve unterstützt. Das hat er nie mit Überzeugung getan. Das offizielle Berlin hat die Bedeutung von Aedes nie wirklich erkannt, vielleicht weil man sich in zwei Jahrzehnten langsam an die Existenz der Institution gewöhnt hat, und weil sich Aedes nie erbot, Berliner Bau- und Planungspolitik publizistisch zu begleiten. Doch Aedes lebt von seinem nationalen und internationalen Ruhm; die geringe Nähe zum Senat ist so gesehen auch Ausdruck der Unabhängigkeit. Aedes ist einer der vielbeschworenen kulturellen Leuchttürme der Stadt - und sicher der billigste. Berlin hat zu danken.

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