Ägypten : Das Gedächtnis von Goldfischen

Welche Demokratie meinten sie eigentlich? Ägyptens Schriftsteller, die noch kürzlich vor der Armee warnten, gebärden sich nun als deren Sprachrohr.

Susanne Schanda
Vier wie „Raaba“. Mursi-Anhänger protestierten am Freitag, den 4. Oktober, gegen das gewaltsame Vorgehen der Armee in Raaba. Die Vier-Finger-Emblem ist inzwischen zum Markenzeichen von Armee-Gegnern geworden. Die Schriftsteller hingegen haben sich auf die Seite der Armee geschlagen.
Vier wie „Raaba“. Mursi-Anhänger protestierten am Freitag, den 4. Oktober, gegen das gewaltsame Vorgehen der Armee in Raaba. Die...Foto: REUTERS

War die Revolution für die Katz? Kehrt Ägypten zurück zum Militärregime? Wer besorgte Mails zu Freunden und Bekannten am Nil schickt, zu Kulturschaffenden und Schriftstellern, erhält irritierende Antworten. „Welche Nachrichten liest Du denn, die wahren oder die verdrehten Lügen der westlichen Medien?“, schreibt Karima Mansour, eine junge Choreografin und revolutionäre Aktivistin. Und: „Wahrscheinlich nennst Du es auch einen Putsch.“ Viele ägyptische Intellektuelle nennen es anders. Das Volk habe durch seine Massenproteste Mursis Sturz verlangt, die Armee habe den Willen des Volkes ausgeführt. Wer das nicht so sieht, ist ein Verräter, Islamisten-Sympathisant oder westlicher Lügner.

Politische Kommentare vieler Schriftsteller unterscheiden sich kaum von Verlautbarungen der Armee. Sonallah Ibrahim, ein renommierter linker Autor, der unter Präsident Nasser im Gefängnis saß, äußert sich in einer liberalen ägyptischen Tageszeitung über den Putsch-General al Sisi: „Ein Patriot, der Präsident werden sollte.“ Den Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei, der als Vizepremier aus der Übergangsregierung zurückgetreten ist, weil er keinen Rückhalt für seine Politik der Vermittlung erhielt, nennt der Schriftsteller einen „ausländischen Agenten, der auf den Müllhaufen der Geschichte gehört“. Und Bestsellerautor Alaa al Aswani lässt verlauten, dass man Analphabeten vom Wahlrecht ausschließen sollte, weil die Islamisten so einen großen Teil ihrer Wähler verlieren würden. „Demokratie ist die Lösung“, hieß es einst am Ende seiner Kolumnen. Fragt sich, welche Demokratie er damals meinte.

Die Intellektuellen protestierten mit auf dem Tahrir-Platz. Jetzt sehen sie sich um die Revolution betrogen.

Ägyptens führende Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehören säkular-liberalen Kreisen an und haben mit ihren Texten schon Jahre vor dem Volksaufstand die Bereitschaft zur Rebellion genährt. Während der Massenproteste gegen Mubarak waren viele persönlich auf dem Tahrirplatz präsent. Den politischen Islam haben sie nie ernst genommen. In ihren Augen war Religion etwas für die dummen, ungebildeten Massen. Bis sie sich plötzlich um die Revolution betrogen sahen – durch die Islamisten. Selbst zweieinhalb Jahre nach der Revolte ist es ihnen nicht gelungen, eine dritte Kraft neben der Armee und den Islamisten mit aufzubauen. Umso wütender stempeln sie nun die Muslimbrüder zum Sündenbock – und opfern dabei ihre demokratischen Ideale.

Der junge Schriftsteller und Kulturredakteur Youssef Rakha ist bereit, sich per Skype interviewen zu lassen. Rakha ist bekannt für seine verbalen Angriffe gegen die ägyptische Intelligenz. Man solle ihn nach Mitternacht anrufen, weil er lange auf der Straße sei, trotz Ausgangssperre ab 19 Uhr: Er fühle sich durch die Armeepräsenz sicherer als zuvor. Wie die Mehrheit der ägyptischen Intellektuellen verteidigt er im Gespräch den Militärputsch: „Die Armee musste einschreiten, um einen Bürgerkrieg zu verhindern“, ist er überzeugt. Das Gegenargument, dass die brutale Gewalt des Militärs die Islamisten erst recht in den Untergrund dränge und noch mehr Hass und Terror schüre, tut er als Argument der Islamisten ab. „Die Muslimbrüder sind Terroristen. Sie haben erklärt, dass sie 500 Jahre an der Macht bleiben wollen. Sie hätten niemals freiwillig davon abgelassen. Eher hätten sie das Land in die Luft gesprengt oder ein zweites Saudi-Arabien geschaffen. Da gibt es nichts zu verhandeln“, ereifert er sich.

Die Schriftstellerin und Bloggerin Ghada Abdelaal aus Mahalla wiederum registriert besorgt eine wahre Hetzjagd gegen Islamisten: „Männer schneiden sich die Bärte ab, weil sie Angst haben, für Muslimbrüder gehalten zu werden.“ Sie kommt aus einem konservativen Umfeld und ist näher an der Klientel der Muslimbrüder als die meisten ägyptischen Intellektuellen. Einige ihrer FacebookFreunde sind Muslimbrüder, mit denen sie heftige Debatten führt: „Sie reden immer noch in diesen Märtyrerphrasen. Ich erkläre ihnen dann, sie sollen sich nicht als Vertreter Gottes auf Erden aufspielen, sondern Politik als ein Spiel betrachten, bei dem es darum geht, das Land weiterzuentwickeln, und bei dem man gewinnen oder verlieren kann. Politik ist kein heiliger Krieg!“

Es gibt vereinzelte Gegenstimmen, die im Gleichklang der Armee-Zustimmung fast untergehen. Die ägyptisch-britische Autorin Ahdaf Soueif kritisiert den Staatsstreich der Militärs: „Statt den Präsidenten zu stürzen, hätten sie ein Referendum für vorgezogene Präsidentschaftswahlen erzwingen sollen; dies hätte das Land vor der Spaltung bewahrt und die Idee der Demokratie gerettet.“ Die Muslimbrüder hätten das Referendum höchstwahrscheinlich verloren und sich dann für ihre verfehlte Politik rechtfertigen müssen. „Das wäre gut gewesen für uns alle und für unser Land. Stattdessen haben wir nun unseren eigenen ,Krieg gegen den Terror’“, meint Soueif.

Der populäre Fernsehsatiriker Bassem Youssef geht noch weiter. In seinen Augen unterscheidet sich „die Natur dieser Leute in ihrer Siegeseuphorie“ nicht von derjenigen der Islamisten. Letztere glaubten, das Verschwinden ihrer Feinde von diesem Planeten sei ein Sieg für die Religion Gottes. Doch auch die Gegner mit ihren liberalen Werten rechtfertigten ihr faschistisches Vorgehen bloß damit, dass es gut für das Land sei. Youssef verurteilt die hasserfüllten Rufe nach Rache und Mord. „Wir wiederholen gerade die Fehler der Muslimbrüder – als hätten wir das Gedächtnis von Goldfischen.“

Von der Autorin Susanne Schanda ist kürzlich das Buch „Literatur der Rebellion. Ägyptens Schriftsteller erzählen vom Umbruch“ erschienen (Rotpunktverlag, Zürich 2013).

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