Kultur : Ägyptisches Museum: Tausche Sargwanne gegen Pharaonenkopf

Ingo Bach

Ein Mann kämpft um seinen Ruf. Mit einem dicken Packen an Dokumenten trat Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums, gestern in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor die Presse. Wie berichtet hatte ein Mitarbeiter Wildungs behauptet, dieser habe die zuvor gestohlenen Reste einer Sargwanne aus dem Alten Ägypten von einem dubiosen Kunsthändler gekauft und sich als Hehler betätigt.

"Schrott" sei es gewesen, was der Genfer Kunstsammler und -händler Nicolas Koutoulakis ihm 1980 in einem Pappkarton präsentierte, so Wildung: zerknüllte Goldfolien, Edelsteineinlagen und Holzstückchen. Doch der damalige Direktor des Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst in München wusste um den Wert der Stücke.

Wildung und Koutoulakis kannte sich von früher. Öfter holte der Kunsthändler den Expertenrat des Ägyptologen ein. Weltweit gebe es nur sieben dieser großen Antikenhändler. "Wir Museumsdirektoren stehen mit denen in Kontakt und schauen, ob was für uns dabei ist", sagt Wildung.

Eine Mumie wird zum Streitobjekt

Der "Schrott" stammt von der Unterseite eines Sarkophags aus dem Grab "KV 55", das 1907 im Tal der Könige, unweit des berühmten Grabes von Tutenchamun entdeckt wurde. Noch vor Beginn einer intensiven Untersuchung waren die Überbleibsel der Sargwanne 1915 aus dem Kairoer Museum auf bisher nicht geklärte Weise verschwunden. Ist es das Grab der Königin Teje, der Schwiegermutter Nofretetes? Oder ihres Enkels Semenchkare, dem Bruder Tutenchamuns? Inzwischen tendieren Ägyptologen zu einem der ganz Großen - Pharao Echnaton, einem der geheimnisvollsten Gottkönige des Alten Ägypten. Dann wäre das Grab "KV 55" eine Sensation. Im 14. vorchristlichen Jahrhundert krempelte der "Ketzerkönig" Echnaton Ägyptens Göttergemisch radikal um und verordnete dem Volk die erste monotheistische Religion der Weltgeschichte: den Kult des Sonnengottes Aton.

Kein Wunder also, dass die Sargwanne ein heißbegehrtes Forschungsobjekt ist. Wildung ließ das Unterteil für fast 300 000 Mark rekonstruieren und von einem Fachmann analysieren. Doch die Untersuchung wurde bisher nicht veröffentlicht, obwohl sie schon seit 1992 vorliegt. Der Grund: Diskretion gegenüber den Ägyptern. Denn mit ihnen wollte Wildung ins Geschäft kommen. Einerseits sollte Kairo die Stücke zurückerhalten. Andererseits hoffte die deutsche Seite als Gegenleistung auf Leihgaben aus ägyptischen Museen, zum Beispiel eines Pharaonenporträts aus dem Magazin des Kairoer Museums. Eine Identifizierung der Mumie sei mit den Goldresten nicht möglich, sagt Wildung. "Die Königsnamen wurden alle entfernt - wahrscheinlich sollte der Sarg recycelt werden."

Seit 16 Jahren verhandelt Wildung mit Hilfe des Auswärtigen Amtes und der bayerischen Staatsregierung mit den ägyptischen Partnern - bisher ohne Erfolg. "Altertümerpolitik ist Tourismuspolitik - jeder spricht da in Ägypten mit", sagt Wildung.

Eine Rückgabe ohne Gegenleistung kommt für Wildung nicht Frage. "Damit würden wir einen Präzedenzfall schaffen, der viele Museen, die auf gleiche Weise Kontakte und den Austausch von Leihgaben anstreben, in eine missliche Lage bringt." Weltweit buhlen die Museen mit ähnlicher Taktik um Tauschpartner. Da die Fundstaaten fast keine Artefakte mehr auf anderem Wege außer Landes lassen, sind Leihgaben für die Museen oft der einzige Weg, um an neue Stücke zu gelangen. Aber ist damit nicht die Gefahr groß, dass Museen gerade deshalb gezielt Kunstgegenstände aus dunklen Quellen beschaffen, um sie dann gegen Leihgaben an das Herkunftsland zurückzugeben? "Enge fachliche und freundschaftliche Kontakte der Museumschefs verhindern das", ist sich Wildung sicher. Die gegenseitige Kontrolle sei streng genug.

Der Direktor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehman, stellt sich vor seinen Museumsdirektor. "Ich habe keinen Grund, an der Wahrheit seiner Angaben zu zweifeln." Und der Mitarbeiter Rolf Krauss, der die Vorwürfe gegen Wildung erhoben hatte, habe ihn in einem persönlichen Gespräch keine Beweise vorlegen können. Einerseits betont Stiftungschef Lehmann ausdrücklich, dass die Museen keine Stücke ankaufen, deren Herkunft nicht klar sei. Wenn aber einer seiner Direktoren wie Wildung vorgehe, um ein Stück unklarer Herkunft an den rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben, werde er ihn ebenso unterstützen, wie Wildung.

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