Kultur : Äpfel&Birnen

Die Berliner Festwochen starten ihre Zeitmaschine

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Was haben das 15. und das 21. Jahrhundert gemeinsam? Angeblich den Bezugspunkt auf Spiritualität. So lassen sich auch die dissonant zerrissenen Instrumentalwerke des Briten Jonathan Hurvey und die abgeklärten isorhythmischen Motetten der niederländischen Vokalpolyphonie in der Festwochen-„Zeitmaschine mit Messiaen“ zusammenspannen. In ihrer konkreten klanglichen Gestalt wirken sie jedoch so verschieden, dass sie im gemeinsamen Auftritt des Huelgas-Ensembles und der „Sinfonia 21“ eher beziehungslos, wie Äpfel und Birnen nebeneinander standen.

Dabei strahlen die Gesänge von Motetten-Meister Guillaume Dufay eindeutig den größeren kompositorischen Reiz aus. Paul van Nevel lässt die wunderbaren Huelgas-Sänger in besinnlich-herben modalen Harmonien schwelgen, bringt sie in den Wettstreit eng geschichteter synkopischer Rhythmen, treibt sie zu tänzerisch-religiöser Ekstase. Wenn Soprane und Tenöre sich von den Rängen des Kammermusiksaals aus die Motive wie Bälle zuwerfen, eine süße Blockflöte, zarte Laute oder ein schnarrender Pommer bunte Farben hinzufügen, enthält das ebenso die Sinnlichkeit einer mittelalterlichen Dorfszene wie die Entrückung eines Mysterienspiels.

Dagegen hatte das von Martyn Brabbins geleitete Kammerorchester „Sinfonia 21“ bei aller perfekten Präsenz einen schweren Stand. Das zweiteilige „Hidden Voice“ von Jonathan Harvey ist sicher gut gemachte Neue Musik. Vor allem Nr. 2 weist im Absturz hektischer Streichergesten in sanft brodelnde Tremolo-Abgründe der Bläser dramatische Qualitäten auf. Doch Harveys Bewunderung für Messiaen – hier als Konfrontation verschiedener Zeitebenen oder verborgene „Stimme Gottes“ avisiert – ist auch solch plastischer Klangfarbenkunst kaum zu entnehmen. Hier regiert Beliebigkeit. Auch „Wheel of Emptiness“ kann dem in rastlosen Glissandi, ihren Erstarrungen in Tontropfen und wiederum gestaltlosem Kreiseln nicht abhelfen. Was auf gut buddhistisch ewige Kreisläufe abbilden soll, ist musikalisch schlicht eintönig. Isabel Herzfeld

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