Kultur : Ärger in Schwarz

Michael Zajonz

Selbst Dessau leistet sich eine Wiederaufbau-Debatte. Sicher handelt es sich bei den beiden Objekten der Begierde weder um politisch-historische Symbole von der Bedeutung des Berliner Schlosses noch um den ideellen Schlussstein einer Vedute wie im Falle der Dresdner Frauenkirche. In der seit 1990 mit einem Bevölkerungsrückgang von zwanzig Prozent geschlagenen einstigen Industriestadt will man weit weniger - und zielt doch aufs Ganze.

Erwogen wird die Rekonstruktion zweier Wohnhäuser, die Bauhaus-Direktor Walter Gropius 1925/26 als Teil der sogenannten Meisterhaus-Siedlung für seine eigene und für die Familie von Laszlo Moholy-Nagy errichten ließ. Beide sind fast auf den Tag genau vor 57 Jahren während des letzten Bombenangriffs auf Dessau zerstört worden. Bislang unerforschte Reste stecken unter der Erde respektive in einem harmlosen Spitzdachhäuschen von 1956. Trotz Fragmentierung dürfen die Dessauer seit 1996 die erhaltenen fünf Meisterhäuser - oder korrekter: zweieinhalb, handelt es sich doch, bis auf die geräumige Gropius-Villa, um Doppelhaushälften - zusammen mit dem nahen Bauhausgebäude zum Unesco-Welterbe zählen.

Mit der Übergabe des einstigen Domizils von Georg Muche und Oskar Schlemmer aus der Obhut der treuhänderisch sanierenden Wüstenrot-Stiftung in die Hände der Stadt sollte die Restaurierung des Ensembles nach nunmehr zehn Jahren zu einem krönenden Abschluss kommen. Doch Kulturdezernent Gerd Lamprecht bringt die süßeste Versuchung Dessaus, seit es Kulturtourismus gibt, auf den Punkt: "Wir wollen soviel Bauhaus wie möglich." Eine Haltung, die schon bei der Etablierung des Labels "bauhaus dessau" und nun beinahe auch bei der Restaurierung des Muche-Schlemmer-Hauses zum Eklat geführt hat.

Politikers Wunsch und Restaurators Wirklichkeit: Dass eine seriöse Rekonstruktion der verlorenen Bauten schwierig sein dürfte, unterstreicht ein im Umgang mit der Siedlung vollzogener Lernprozess, der - jenseits aller methodischen und qualitativen Unterschiede - die 1994 teilrekonstruierte Haushälfte Lyonel Feiningers und das vor zwei Jahren dank der Millionenspende des Baukonzerns Hochtief fertiggestellte Klee-Kandinsky-Haus nun mit dem Muche-Schlemmer-Haus verbindet. Eine mit wachsender Intensität betriebene Bauforschung hat gezeigt, wie stark die seriell gedachten Häuser in vielen Details, besonders aber in ihrer Farbigkeit voneinander abweichen. Die kanonischen Schwarz-Weiß-Fotos Lucia Moholys und der idealisierte Farbplan Alfred Arndts von 1926 ließen davon nur wenig ahnen. Auch die Innenräume des Muche-Schlemmer-Hauses, das vom Design-Zentrum Sachsen-Anhalt und der Bauhaus-Stiftung genutzt werden soll, stützen diese Einsicht.

Wer allerdings quietschbunte Farbigkeit à la Klee-Kandinsky erwartet, wird enttäuscht. Auf Grund fehlender Befunde konnte nur ein Drittel aller Räume farbig neu gefasst werden. Muche und Schlemmer scheinen, anders als Kandinsky, kaum eigene Konzepte verfolgt zu haben. So dürfte der Leiter der Werkstatt für Wandmalerei, Hinnerk Scheper, die Vorgaben von Gropius und Breuer frei umgesetzt haben - auch in der experimentellen Anwendung neuartiger Anstrichstoffe wie Alkydharz. Als kleine Sensation gilt der restauratorische Nachweis, dass Teile des Außenverputzes und der Fensterlaibungen kräftig getönt waren.

"Jeder Architekt hat im Kopf, wie so ein Gebäude aussehen soll", räumt Winfried Brenne, der für die rund 1,35 Millionen Euro teure Sanierung verantwortlich zeichnet, selbstkritisch ein. Ein einmal gefasstes Bild irritiert nicht nur Architekten: Der Anblick der mehrfach umgebauten und völlig verwahrlosten Meisterhäuser muss für alle, die sie Anfang der neunziger Jahre erstmals aufsuchten, ein Schock gewesen sein. Ein Jahrzehnt später stritten Stadt, Stiftung und Architekt heftig darüber, ob der das "Original" entstellende Einbau von Wohnungen nach 1933 als Geschichtszeugnis aussagekräftig und folglich erhaltenswert sei.

Norbert Huse, Bauhistoriker an der Technischen Universität München und Mitglied des dreiköpfigen Fachbeirats der Stiftung, stieg aus der Betreuung des Projekts aus, nachdem sich die Kommune - wie bei den übrigen Häusern - mit dem Wunsch nach Rückführung in den Urzustand durchsetzen konnte. Die Wüstenrot-Stiftung erbat ein Moratorium, gab dann jedoch nach. Möglicherweise wurde die Chance vertan, anhand eines "ungeliebten Denkmals" den Umgang der Nationalsozialisten mit dem Bauhaus-Erbe zu dokumentieren. Dank der Sorgfalt und Kompetenz von Architekt und Ausführenden konnte dennoch ein in vielen Details bestechendes Ergebnis erzielt werden. Gruseleffekt inklusive: Das komplett schwarz lackierte Schlafzimmer Georg Muches hat diesen so erbost, dass er es als Abstellkammer nutzte - auch eine Art, mit Ärger fertig zu werden.

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