Kultur : Ästhetik des Fleisches: Born to be dead

Christiane Peitz

Es ist noch nicht lange her, da starb Kiri, und halb Berlin weinte. Der letzte Akt jener Zoo-Tragödie vom Elefantenbaby, das von seiner Mutter verstoßen wurde, weckte unser aller Mitleid. So sind wir Menschen: Einzelschicksale bewegen uns. Für Empathie und Katharsis brauchen wir individuelle Geschichten, den singulären Fall, die Intimität des Familiären. Tote Tiere in Massen hingegen sind bestenfalls eklig. Die BSE-Nachrichten im Fernsehen präsentieren Berge von Rinderkadavern in Tierkörperbeseitigungsanlagen, dazu Nahaufnahmen aus den BSE-Testlabors, blutiges Hirn, fettiges Gekröse. Die Tagesschau als Horror-Picture-Show, bei der David Cronenberg hätte Regie führen können. Leben wird zu Brei verarbeitet, und die Bilder dienen zum Beweis einer tierisch gesäuberten Landwirtschaft.

"Born to die", das sind auch wir Menschen. Und Bilder vom Tod haben derzeit Konjunktur, sei es in der umstrittenen Ausstellung "Körperwelten", die demnächst auch Station in Berlin macht, sei es in den Gerichtsmedizin-Krimis von Kathy Reich mit so bezeichnenden Titeln wie "Knochenarbeit". In jedem von uns steckt ein Leichenbeschauer. Man sieht hin, durch die vorgehaltene Hand, bricht das Tabu namens Tod und wahrt es zugleich, indem man sich gruselt. In der Traumdeutung symbolisieren Tierkadaver gar Glück und langes Leben. Was wir aber bislang lieber nicht so genau wissen wollten, ist die Tatsache, dass Nutztiere, seien es Kälber, Hühner oder Mastschweine, ihre schiere Existenz der möglichst baldigen Schlachtung verdanken. Und wer vorher noch entsprechende Milch- oder Legeleistungen vollbringen muss, dem bleibt keine Zeit für tierisches Familienleben. Männliche Küken werden gleich nach dem Schlüpfen vergast, um als Futtermehl für ihre Schwestern zu dienen. Kälber werden per Kaiserschnitt auf die Welt befördert, weil ihre Mütter geburtsunfähig groß gezüchtete Lenden besitzen. Die Natur wird für den Metzger zugerichtet. Und Schweine werden mit Psychopharmaka sediert, damit sie in ihren Boxen (0,7 qm) nicht den eigenen Nachwuchs verzehren.

"Kultur" kommt von "Pflege". Landwirte sind Kulturschaffende. Für uns Fleischesser. Den Zivilisationsbruch der Massentierhaltung aber haben wir längst vollzogen; die Ästhetik der Schlachthöfe ist dessen Symptom. Wir lieben Tiere. Damit gehören wir in den Zoo.

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