Kultur : Ästhetik des Terrors

Bodo Mrozek

Zwei Autos stehen im Wald, eins davon ist umgestürzt. Die Tür ist aufgerissen, ein Mann schält sich heraus. Auf einem anderen Bild liegen leblose Körper vor dem Wagen, schwarz maskierte Gestalten inspizieren die Szene. Sind die Leblosen Opfer eines Anschlages? Sind die Vermummten, die vorher im Video auftauchten, Terroristen? Und wenn ja: Ist es die Eta? Oder Al Qaida? Oder sind es womöglich Spezialkräfte eines Einsatzkommandos der Polizei? Die beunruhigenden Videos des Künstlers Jon Mikel Euba wecken Assoziationen und sind doch alles andere als eindeutig. Eine schwarze Plastiktüte, die auf der Straße herumliegt, wird im Auge des Betrachters unwillkürlich zum Leichensack. Sie könnte aber auch rein zufällig ins Bild geraten sein. Der Videokünstler, geboren 1967 in Bilbao, hat die Filme, aus denen unser Bild stammt, in Spanien gedreht und bei einem Aufenthalt im Jahr 2002 im Berliner Künstlerhaus Bethanien fertig gestellt. Derzeit sind Eubas Arbeiten dort wieder zu sehen. Die Ausstellung von Preisträgern des baskischen Gure-Artea-Preises (noch bis zum 14.3. – siehe Tagesspiegel vom 5.3., zeigt abermals ein Video aus seiner Katastrophenreihe.

Der Videokünstler versteht sich nicht als politischer Künstler, betont jedoch seine baskische Identität. Seine Bildsprache ist aus den Nachrichten vertraut. Euba kennt die Performances Bruce Naumans, er hat ihre Bewegungsabläufe studiert. Die Atmosphäre, die er aus vermeintlich bekannten Bildern schafft, ist in Spanien fast alltäglich. Sie korrespondiert mit einer Politik der Andeutung, bleibt als diffuse Bedrohung aber undeutlich, weil das Ereignis außerhalb des Kunstraums liegt. Das Videostill, das wir dem Katalog entnehmen (Primera Edición/Madrid), scheint den Zustand eines Landes abzubilden, das solche Szenarien kennt – und nun von anderen Tätern terrorisiert wird. Dass Jon Mikel Eubas Bilder bei aller Uneindeutigkeit den Raum für solche Interpretation schaffen, macht sie so aktuell.

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