''Ästhetik & Kommunikation'' : Lebensleistung

Das Jubiläumsheft von "Ästhetik & Kommunikation“ bleibt fokussiert auf die Fragen, die 68 aktuell waren und es bis heute geblieben sind; etwa das Verhältnis zum Nationalsozialismus, das eben 1968 doch nicht so einfach gelöst wurde, wie es den theoretischen Großsprechern von den Lippen ging.

Bernhard Schulz

Rudi Dutschkes Forderung, „mitbestimmendes Subjekt des historischen Geschehens zu werden“, steht unter dem Foto neben dem Editorial der neuen Ausgabe von „Ästhetik & Kommunikation“. Es geht – wie auch anders in diesem Jahr! – um „Die Revolte. Themen und Motive der Studentenbewegung“. Dutschke, auf dem Foto nur im unscharfen Debattendunst auszumachen, taugt wie stets als Bezugsperson für die Rückerinnerung; und sei es nur, weil ihm der „lange Marsch“ versagt blieb. Die anderen haben ihn unternommen, mehr oder weniger; und liest man sich durch die Biografien des Jubiläumsheftes, der angesichts der schwierigen Jahre dieser hochtheoretischen Zeitschrift unglaublichen Nummer 140/141, so kommt man um den Kalauer nicht herum, leibhaftige 68er vor sich zu sehen: Geburtsjahrgang 1940, wie bei zwei so klugen wie unterschiedlichen Autoren wie Klaus Hartung und Dieter Hoffmann-Axthelm. Tilman Fichter, SDS-Urgestein, hat gar die 70 überschritten.

So alt ist sie mittlerweile, die Studentenbewegung, und es zeichnet „Ä & K“ aus, dass sie sich in der Nostalgie gar nicht erst versucht. Das Jubiläumsheft bleibt fokussiert auf die Fragen, die damals aktuell waren und es bis heute geblieben sind; etwa das Verhältnis zum Nationalsozialismus, das eben 1968 doch nicht so einfach gelöst wurde, wie es den theoretischen Großsprechern von den Lippen ging. Dass Fichter und seine Koautorin Ute Schmidt unumwunden einräumen, dass die 1968 am Fall von Reinhold Rehse – wer kennt überhaupt noch den Namen? – vollzogene „Gleichsetzung des NS-Staates mit der Bundesrepublik nicht nur analytisch falsch, sondern auch höchst gefährlich“ war, steht beispielhaft für die intellektuelle Redlichkeit, die die Zeitschrift stets ausgezeichnet hat; und sei es, auch das, bisweilen um den Preis ihrer Lesbarkeit.

Der Stachel sitzt tief, dass die 68er heute nicht oder nicht mehr als die guten Geister des bundesdeutschen Erwachsenwerdens geachtet werden. Die Kritik, die etwa Götz Aly – als Alt-Linker besonders schwer abzutun – vorgebracht hat, wird in verschiedenen Beiträgen aufgegriffen. Es geht um „Deutungshoheit“; man könnte auch von „Lebensleistung“ sprechen. Die vielen Professoren- und Privatdozententitel, die das diesmalige Autorenverzeichnis aufführt, sprechen zumindest für individuellen Erfolg. Vom „Berufsverbot“ der siebziger Jahre keine Spur; grosso modo zumindest, bedenkt man, beim Blick in ältere Hefte, diejenigen, die irgendwann aus der Luxusbeschäftigung marginal entlohnter Selbstreflexion ausgeschieden sind oder ausscheiden mussten. Was die Gesamtleistung „der“ 68er angeht, bleibt die Bilanz offen. Auf der einen Seite steht die Verbitterung über die „moralische Disqualifikation der ,68er‘“ – so etwa Gudrun Brockhaus –, „in der die Verlierer von heute schon immer auf der falschen Seite waren“.

Doch auf der anderen Seite, an anderer Stelle: „Dazu, dass es sich in Deutschland gut lebt, dass ein stabiles, konsensorientiertes und außerordentlich demokratisches Land entstanden ist, haben wir viel beigetragen“, klopft sich Klaus Hartung auf die Schulter. Aber, und diese Antwort bleibt er dann doch schuldig: Ist es das, was Dutschkes programmatisch am Heftanfang zitiertes Wort meinte? Hätte es ihm, vier Jahrzehnte später, genügen können? Es bleibt noch viel Raum. Für mehr von dem, was Hegel die „Anstrengung des Begriffs“ genannt hat. Bernhard Schulz

„Ästhetik & Kommunikation“, 39. Jahrgang 2008, Heft 140/141, Berlin, 20 €

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