Kultur : Affen mit Manieren

Colin McAdam, Stipendiat in Berlin, erzählt im Internatsroman „Fall“ eine schmutzige Geschichte

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Gast aus Montreal. Colin McAdam liest heute, Mittwoch, im Hotel Bleibtreu. Foto: Privat
Gast aus Montreal. Colin McAdam liest heute, Mittwoch, im Hotel Bleibtreu. Foto: Privat

Im Zweierzimmer des Internats schlafen Julius und Noel ihren Rausch aus und überlegen, ob sie sich einander anvertrauen können. Julius hat zu viele Freunde, Noel hätte gern welche, vor allem Julius. Julius’ Vater ist der amerikanische Botschafter in Kanada, Noels der kanadische Generalkonsul in Sydney. Er will, dass Julius die Dinge aus seiner Perspektive, „vom unteren Bett aus“ betrachtet. Sie sind einander nah, wenn sie morgens in denselben Rasierspiegel gucken. Noel ist einer von denen, die sich schon akzeptiert fühlen, wenn man ihm das Wort Anus mit Zahnpasta auf die Stirn schreibt. Jetzt, mitten in der Nacht, reißen zwei die Tür auf, und der eine grölt, dass der andere vor dem Sex die falsche Creme benutzt und jetzt Schmerzen hat.

Die Jungs in St. Ebury sind „Affen mit Manieren“, heißt es in Colin McAdams Roman „Fall“. Wenn sie ihre Schuluniform ausziehen, kotzen sie einander auf die Schuhe und streichen ihr Sperma auf anderer Leute Zahnbürsten. Sie sehen sich im Zimmer um und denken: „Putz bedeckte die Wände wie Millionen empfindungsloser Nippel.“ Sie haben Pferde im Blut, Blut in den Muskeln, und wenn sie Fall sehen, die eigentlich Fallon DeStindt heißt, haben sie eine Blume im Hals.

Julius und Fallon sind seit fast einem Jahr ein Paar, aber auch Noel liebt sie. Er ist in dem Alter, in dem man alles für ein Omen hält, und er ist am glücklichsten, als er mit Fallon losgeht, um ein Geschenk für Julius zu kaufen: „Meine Knochen fluoreszierten.“ Beide bewundern ihn, „als wäre Julius unsere Religion“. Noel hofft, dass Fall sich nun in ihn verliebt.

Kurz darauf kommt es zu einer Gewalttat. Fall verschwindet (der Autor nimmt offenbar an, dass sich tagelang kein Internatslehrer Sorgen machen würde), Verdächtigungen werden ausgesprochen, und in Verhören und ungedeckten Gesprächen kommt die Wahrheit ans Licht. Auch als die Freundschaft zwischen Noel und Julius zerbricht, hält Noel ihn noch für seinen besten Freund.

Der Kanadier Colin McAdam, 1971 in Hongkong geboren, ist zurzeit Stipendiat des Projekts Literaturraum im Berliner Hotel Bleibtreu. „Fall“ ist – nach seinem Debüt „Ein großes Ding“ (2004) – ein Internatsroman mit viel nackter Haut, mit Muskeln, Pickeln und Lippenstift, mit Jungs, die herausfinden wollen, wie Brüste aussehen und wie Jägermeister schmeckt. Lehrer und Unterricht kommen fast nicht vor. Es heißt höchstens: „Französisch: Ist mir egal, ist dir egal, ist ihm/ihr egal“. Die morgendliche Andacht wird in einem Satz abgetan: „Kapelle: Dong. La la la la la, England, Jesus, Kanada, Jesus, Jesus.“

Das Buch spielt in einer unbestimmten Vergangenheit. Es gibt nur Münztelefone und keine Laptops, man schreibt sich „Briefchen“ und geht in die Bibliothek, wenn man was nicht weiß. McAdam und sein deutscher Übersetzer Eike Schönfeld fangen die Atmosphäre des Hauses und die Absolutheit der bedrückenden Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler gut ein, die sich fragen, warum sie 18 sind und in einem Etagenbett schlafen.

Aber sprachlich geht leider vieles schief. Zum aktiven Wortschatz der Protagonisten dieses Romans gehören unbegreiflicherweise Wörter wie Verdrossenheit, immerzu, Rüpel und köstlich. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, bis zu Verfügbarkeitsheuristik und Solipsismus. Sätze wie „Es war die Zeit meiner Entfaltung“ oder „Ich liebe sie verflucht sehr“ lassen den Leser beinahe den Mitschüler Chuck beneiden. Der „gähnt seine Kotze über das ganze Mobiliar“. Schwer erträglich ist auch seitenlanger Schnickschnack nach Art von „Mm. Puh. Uuh. Aah. Mm. Sss. Paa. Sch. Ga. Ga. Gah“ (Transkript einer Sexszene, Arno Holz hätte seine Freude).

McAdams Roman ist stellenweise dicht, aber insgesamt viel zu lang. Wenn eine Szene nacheinander aus zwei Perspektiven erzählt wird, erfährt man beim zweiten Mal nichts Neues. Aber die Suche nach Freundschaft und Sicherheit, die McAdam beschreibt, bleibt beeindruckend. „Worin liegt der Spaß, eine Freundin zu haben“, fragt sich Julius, noch wenn seine geliebte Fall vor ihm steht.

Colin McAdam: Fall. Roman. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 382 Seiten, 24,90 €. Der Autor liest am heutigen Mittwoch um 19 Uhr im Hotel Bleibtreu (Bleibtreustr. 31, Eintritt frei, Reservierung unter 030/88 47 40 oder info@bleibtreu.com).

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