Afghanischer Maler Aatifi : Die Melodie der Schrift

Schöne Abstraktion ist alles: Kalligrafisch inspirierte Werke des afghanischen Malers Aatifi im Berliner Museum für Islamische Kunst.

Alexandra Belopolsky
Im Bielefelder Atelier vor einem Gemälde für die Berliner Ausstellung. Der aus Kandahar stammende Künstler Aatifi.
Im Bielefelder Atelier vor einem Gemälde für die Berliner Ausstellung. Der aus Kandahar stammende Künstler Aatifi.Foto: Archiv Aatifi/Wolfgang Holm/Museum für Islamische Kunst

Als Erstes fällt das kraftvoll leuchtende Blau der langen, sich windenden Linien auf. Doch das, was den Charakter einer Schrift hat, lässt sich nicht wirklich entziffern. Es ist reine Abstraktion. In seiner Ausstellung „News from Afghanistan“ im Berliner Museum für Islamische Kunst schlägt der 1965 in Kandahar geborene Maler Aatifi mit wenigen kalligrafisch geschulten Strichen einen Bogen zwischen den Jahrhunderten: mit Papierarbeiten im Buchkunst-Kabinett und großformatigen Gemälden in der Dauerausstellung.

Aatifi kommt von der Kalligrafie, seine Ausbildung begann der Künstler, der heute in Bielefeld zu Hause ist, schon im Alter von sechs Jahren: „Für mich waren Buchstaben immer eine abstrakte Form, die mir mehr sagte als der Inhalt des Texts“, erklärt er. Die islamische Kalligrafie ist eine der ältesten Kunstformen der islamischen Welt. Texte, meist dem Koran entnommene Suren, verwandeln sich in Bilder, Blumen, Tiere, Ornamente.

Aatifis Arbeiten basieren auf der persischen Schriftart Thuluth, die sich oft in Moscheen findet. Er habe sie wegen ihrer weichen Rundungen gewählt, sagt er, „wegen ihrer Harmonie, ihrer geheimnisvollen Aura. Sie hat eine Melodie.“ Für den Künstler, der an der Universität in Kabul Malerei studierte, ist Kalligrafie wie klassische Musik. Tatsächlich scheinen seine Buchstaben zu tanzen. Mal sind sie elegant, mal wild, mal scharf, mal verschwommen.

Blau ist die Farbe des Universums

Schon als Junge suchte er nach einem eigenen Zugang zur Kalligrafie. Statt klassisch mit schwarzer Tinte zu zeichnen, mischte er sie mit Granatapfelsaft oder Curry und wagte es auch, den Regeln zum Trotz, helle Farben zu benutzen. „Man sagte mir, ich dürfe sie nicht benutzen“, erinnert er sich. „Mir gefiel aber die Leuchtkraft der Farbe.“ Noch heute mischt er seine Farben selbst.

Blau spielt für ihn eine besondere Rolle, die Farbe dominiert auch die Bilder der Ausstellung auf der Museumsinsel. „Wenn man kein Licht hat, tritt Blau in den Vordergrund“, sagt er. „Der Tageshimmel ist hellblau, die Nacht dunkelblau. Es ist die Farbe des Universums.“ Sie erinnere an Lapislazuli, jenes wertvolle Mineral, aus dem schon vor Tausenden von Jahren leuchtende Pigmente gewonnen wurden, auch für die Malerei. Es ist einer der afghanischen Bodenschätze, um den, so Aatifi, schon Kriege geführt wurden.

Der Künstler hat seine Schriftvariationen eigens für die Berliner Ausstellung geschaffen. Seine monumentalen Farbexplosionen, deren Intensität und Maßstäbe an die Pop-Art der 60er Jahre erinnern, ergänzen die Exponate der Dauerausstellung. Und im Teppichsaal mit Webkunst aus dem 15. Jahrhundert findet sich eine von Aatifis Druckgrafiken auf einer kleinen, schiefen Bühne – ein Kalligrafentisch, der geduldig auf den Meister wartet.

Steht man dann im Mschatta-Saal, in dem die 1200 Jahre alte Palastfassade des Kalifen nun umgeben wird von Aatifis imposanten, teils sechs Meter hohen Gemälden in leuchtendem Pink und Ultramarin, glaubt man, einem Gespräch zu lauschen, das Jahrtausende überbrückt.

„Aatifi – News from Afghanistan“, Museum für Islamische Kunst, Bodestraße, bis 18. Oktober, tgl. 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Eine Publikation zur Ausstellung ist im Kerber-Verlag erschienen (132 S., 40 €).

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