Kultur : Afghanistan: Auf dem Zauberberg

Caroline Fetscher

Der Patriarch macht es sich in der Hotellobby bequem und hält Hof. Um ihn herum scheint sofort ein anderer Raum zu entstehen: Ein Gebiet. Es ist ganz klar, dass der Patriarch ein Gebieter ist. Er sieht aus, wie für die Fotografen erfunden: dichte schwarze Augenbrauen, ein üppiger Turban aus grau-silbernem Tuch. Die Tesbeh, die Gebetskette aus Holzperlen lässig zwischen den Fingern der rechten Hand lehnt sich Pascha Khan Dzadran in einem Ledersessel des Maritim-Hotels in Königswinter zurück.

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Pacha Khan Dzadran ist Teil der Delegation des Exil-Königs Zahir Shah, hier als Rom-Gruppe bekannt. Aus dem Süden Afghanistans ist der Stammesfürst herbei gereist. Er sitzt in dieser Lobby am Rhein, weil vor 10 Wochen in New York zwei Wolkenkratzer eingestürzt sind. Alle, jeder Einzelne hier, hat die Reise zum Petersberg angetreten, wegen der Terroranschläge in den USA.

Das waren nicht unsere Terroristen, erklärt mit leiser Bitternis ein afghanischer Journalist. Sie müssen sich das so vorstellen, verzeihen Sie den Vergleich: Aber es ist es, als wenn einer hier - er zeigt auf die Uferstraße von Königswinter - mal muss, und es gibt keine öffentliche Bedürfnisanstalt. Aber da sind lauter kaputte Häuser, Ruinen. Da geht er hinein und macht sein Geschäft. So haben die Terroristen unser Land benutzt. Gut, dass die Amerikaner es befreien.

So weit, so gut, auch für den Patriarchen. Aber Afghanistans Bergketten und Ebenen, Ziegenherden und Felder sind für ihn nicht das politische entleerte Gelände, das auf der UNO-Konferenz bei Bonn neu mit Inhalt gefüllt werden soll. Ihm für seinen Teil gehört da schon ein ansehnliches Stück. Er zählt auf: "Die Provinz Paktia, die Provinz Paktika und die Provinz Khowst." Das ist sein Raum auf jener Landkarte, die für die Konferenzteilnehmer voller Claims steckt - einander überlappender Claims. Gefragt, wie groß seine Familie sei, hebt der Patriarch ein wenig müde die Arme und seufzt: "Groß. Sehr groß. Viele." Er steht auf und zieht den Parka zurecht den er über seinem hellen traditionellen Anzug mit knielanger Jacke trägt, dem Perahantumbon. Die Audienz ist beendet. Kein Repoter wagt es, ihn so zu bedrängen, wie sie die kleine Frau im schwarzen Kopftuch belagern, Amena Afzali, eine der beiden weiblichen Vertreter der Nordallianz, die hier darauf besteht, United Front zu heißen. "United" ist die Front gleichwohl nicht und nur mühsam dazu zu bewegen, dem unerlässlichen Einsatz von UN-Peacekeepers zuzustimmen. Was kommt zuerst, wenn man ein Land neu erfindet? "The political process or the security process?", heißt die zentrale Petersberger Frage.

Von den Verhandlungen auf dem Berg hören Beobachter unten in den ritualisierten Pressekonferenzen der UNO und von den Delegierten die während des Ramadanfastens Nachmittags ins Hotel kommen und Interviews nicht anbieten müssen - befragt werden sie schon wenn der Wagenschlag aufgeht. Hauptfiguren wie der Kopf der United-Front-Gruppe, Junus Qanuni, setzte sich nicht in die Lobby des Maritim, sondern, so hört man, verhandeln pausenlos weiter, in den Gruppenräumen, die für jede Delegation zur Verfügung stehen - der Rom-Raum, der Zypern-Raum, der Peshawar-Raum, der United-Front-Raum - oder inden größeren Sälen oben im Gästehaus ebenso wie in kleineren Separées.

Fragmente und Fraktionen

Afghanen nennen eine Versammlung der Stammesoberhäupter Loya Jirga, ein Ausdruck der inzwischen den Wortschatz des Westens bereichert. Hat sich vom Petersberg aus ein Interimskabinett und ein provisorisches Parlament entwickelt, dann soll in zwei Jahren eine Loya Jirga in Kabul tagen und das Weitere beschließen. Wer bis zum Beginn einer reelleren Demokratie, symbolisch und de facto an der Spitze der neuen Gremien Afghanistans stehen soll - die UNO, König Zhahir Shah, sein Enkel Mustafa Zhahir oder einer der Politiker, die sich nun profilieren - ist noch im Trüben. Lakhdar Brahimi, vor dem alle von Tag zu Tag mehr Respekt bekommen, leitet als UN-Unterhändler die Konferenz auf dem Berg. UN-Sprecher Ahmad Fawzi vertritt die UN hier nach außen. "Zwei Jahrzehnte hat sich niemand um Afghanistan gekümmert", wettert Zarif Nazar, ein turkmenischer Journalist, "und jetzt sollen sich alle Probleme in fünf Tagen lösen?!" Fawzi, der sich für die Frage bedankt, wird hier dennoch zum ersten Mal sichtbar zornig: genau. Wenn es nach den Mahnern gegangen wäre, stünde Fawzi heute nicht hier. Es ist ein Zorn gegen das Geschehene, nicht gegen den Frager.

Das Geschehene, die Geschichte, hat Fragmente hinterlassen, Fraktionen geboren deren Vertreter einstweilen hier oben in Räumen und Sälen einen Rahmen geboten bekommen, wie er wohl historisch ziemlich einzigartig ist. "Das ist verdammt gut angelegtes Geld", hat der Kanzler dem Bundestag am Mittwoch mit zufriedenem Pathos erklärt, "verdammt gut angelegt, verdammt gut." Drei Mal sagte er das zur Rechtfertigung der zwei Millionen Gastgeberkosten.

Was Brahimi aus der Spende an die UNO machen muss, ist das Kunststück, Brücken und Treppen zwischen den Fraktionen zu bauen. Er muss den Patriarchen und die Feministin Sima Wali, eine elegante geschminkte Dame mit offenem altrosa Seidentuch ums Haar, zusammenbringen, den selbstbewussten sich kompakt und präsent gebenden Junus Qanuni mit dem gekränkten Muhamed Natiqi, dessen Volksgruppe der Hazara sich ungenügend vertreten fühlt, die Modernen und die Traditionalisten, die Demokratiewilligen und Demokratieresisteneren. Das Einmalige an dieser Konferenzkultur, deren Debatten und Pokerspiele inzwischen gern als Basar bezeichnet werden, ist eine besondere Synthese. Auf ihre Weise nimmt die Petersberger Konferenz eine Loya Jirga in Mikroform vorweg, und knüpft unter der Ägide des Algeriers Brahimi an afghanische Traditionen an. Zugleich aber erinnern die Berichte über offene Gruppen, lockere Sitzungen, spontane Aussprachen und Kriseninterventionen an alle Elemente postmoderner Gruppendynamik und Gruppentherapie.

Die Afghanen sollen "selbst eine Lösung finden", man möchte ihnen "nichts aufzwingen", sie sollen ihre "eigenen Rhythmen" finden und bekommen auf Wunsch ihre spezifisch religiös diktierte Diät auf diesem politischen Zauberberg. In den ersten 24 Stunden des Prozesses schien der Zauber fast zu gut zu wirken, um wahr zu sein. Danach, wie in Gruppentherapien üblich, brachen die Widersprüche Stück für Stück hervor.

Im Gerangel um proportionale Repräsentationen der ethnischen Gruppen - Paschtunen, Patschiken, Usbeken, Hasara -, in der Frage nach der Kontrolle von Kabul und der extrem geheim gehaltenen Aufstellung von Namenslisten für die Übergangsgremien zeigten sie sich. Im wahrsten Wortsinn hineinfunken dürfen außerdem, ganz anders als in der kalifornischen Variante der Grouptherapie, die Machthaber von draußen, per Standleitung aus Kabul. Erhitzte Debatten über Satellitentelefon bestimmen die Verhandlungen um so mehr, je konkreter sie werden. Rabbani meldet sich, Abdulah Abdulah, der "Außenminister" der Nordallianz, und andere die ihr Sagen über den Staat ohne Staat haben wollen, der ein echter erst noch werden soll.

Hebamme der Zukunft

Wir Frauen werden uns nicht abspeisen lassen, erklärt prononciert Sima Wali und rückt mit ebenso zarter wie fester Geste das halb durchsichtige Tuch auf ihrem Haar zurecht. Frau Wali bringt mehr Realität ins Gespräch als manche Männer - etwa jener Afghane, der sie auf der Pressekonferenz fragt, ob sie nicht verstanden habe, dass der Islam "Frauen nur die Hälfte die Rechte von Männern" zuerkenne. Difizile Fragen philosophischer und religiöser Natur würden gelehrte Islamwissenschaftlerinnen später gern erörtern, versetzt Sima Wali. Im Augenblick jedoch gehe es darum, einen akuten Notstand zu beheben, eine Dauerkatastrophe zu beenden.

Dazu werden Milliarden Dollar und Euro gebraucht. Dieses Geld, und das ist anders als in der Gruppentherapie, beschleunigt hoffentlich den Prozess, denn es ist den Debattanten immer wieder vor Augen, wenn sie um Macht und Territorien rangeln.

Sinnvoll kann die Finanzhilfe jedoch nur ausgegeben werden, wenn UN-Truppen den Frieden sichern, das wissen auch die, die derzeit die Waffen in der Hand behalten wollen. Die Zauberworte auf dem Zauberberg heißen also: Demilitarisierung, Deethnisierung, Demokratie. Wenn das Patriarchen von heute nicht wenigstens ein bisschen verstehen, werden ihre Töchter und Söhne es doppelt schwer haben. Aber die UNO als Hebamme eines Landes ist auf dem Petersberg zuversichtlich.

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