Kultur : Afghanistan: Das Schweigen der Welt

Richard Herzinger

Als im Jahre 1979 Kambodscha von vietnamesischen Truppen besetzt und das ganze Ausmaß der Verbrechen des von ihnen verjagten Pol-Pot-Regimes ruchbar wurde, war das Entsetzen groß. Wie war es nur möglich, fragte man sich fassungslos, dass derartige Untaten von der internationalen Öffentlichkeit unbemerkt bleiben konnten?

Der Schock saß nicht zuletzt deshalb so tief, weil die Diktatur der "Roten Khmer" aus einem vermeintlichen nationalen Befreiungskampf gegen die hervorgegangen war, der die Solidarität von Millionen wohlmeinender Menschen mobilisiert hatte. Dass sich die Verfechter einer scheinbar guten Sache, einmal an die Macht gekommen, als noch weit schlimmere Henker erweisen könnte als die von ihnen bekämpften Vorgänger, hatte insbesondere die idealistische Linke nicht wahrhaben wollen.

Der monströse Gottesstaat

Seitdem wird der Name Pol Pot in einem Atemzug mit den größten Massenvernichtern des 20. Jahrhunderts, mit Hitler und Stalin, genannt. Wenn das Regime der "Roten Khmer" auch nicht annähernd so viele Menschen zu ermorden in der Lage war wie Nazismus und Stalinismus, so teilte es mit diesen doch einen entscheidenden Zug: Anders als "normale" Diktaturen wollte es nicht nur seine tatsächlichen und vermeintlichen Feinde ausschalten, sondern mit ihnen die zivilisationsgeschichtlichen Grundlagen auslöschen, die es für die vermeintliche Dekadenz der modernen Gesellschaft verantwortlich machte.

Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Kambodscha-Schocks hat die internationale Aufmerksamkeit für elementare Menschenrechtsverletzungen in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Das Bekenntnis zu den Menschenrechten hat in den westlichen Demokratien geradezu den Status einer Zivilreligion erlangt. Zahlreiche internationale Institutionen und nichtstaatliche Organisationen überwachen die Menschenrechtslage in aller Welt. Im Kosovo hat die westliche Militärallianz zum ersten Mal einen Krieg geführt, um einem völkermörderisches Regime in den Arm zu fallen.

Doch hat die Weltöffentlichkeit, haben wir alle wirklich dazu gelernt? Während vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zum ersten Mal ein General wegen Völkermord schuldig gesprochen wurde, herrscht im fernen Afghanistan, weitgehend unbehelligt von der internationalen Staatengemeinschaft, ein Regime, das alle Aussichten hat, dereinst im kollektiven Gedächtnis der Menschheit einen ähnlichen Platz einzunehmen wie das Pol Pots. Wenn der Alptraum der Taliban-Herrschaft irgendwann einmal ein Ende haben sollte, werden wir wohl die gleichen Rituale der Bestürzung erleben wie 1979. Doch der Spielraum für Ausreden wird dann noch kleiner sein. Denn niemals zuvor haben sich die westlichen Gesellschaften auf ihre Sorge um die Menschenrechte so viel eingebildet wie heute. Und anders als einst Kambodscha ist Afghanistan keineswegs vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Anders auch als Pol Pot, der seinen barbarischen Steinzeitkommunismus mit Trugbildern einer idyllischen Landromantik tarnte, bekennen sich die Taliban mit geradezu provozierender Offenheit zu den Prinzipien ihres monströsen "Gottesstaats". Der religiöse Fanatismus, der die weltlichen Großideologien als Quelle totalitärer Machtfantasien abgelöst hat, kann es sich leisten, auch noch die letzten Schamschwelle von Verschwiegenheit des Verbrechens zu überschreiten: Was Gott will, muss ja nicht verheimlicht werden. Was aber heute, in dieser Minute, mit den Unglücklichen geschieht, die von der Sittenpolizei der Taliban fortgeschleppt und in "Umerziehungslagern" bearbeitet werden, wollen wir uns - wieder einmal - lieber gar nicht vorstellen. Hin und wieder machen die Taliban internationale Schlagzeilen - zuletzt, als sie uralte buddhistische Denkmäler zerstörten und eine Kennzeichnungspflicht für Hindus einführten, die krass an die nationalsozialistische Stigmatisierung der Juden erinnert. Doch es regt sich kaum ein Anzeichen von Protest, der der Dimension des Schreckens angemessen wäre. Still schweigen die moralischen Instanzen des geistigen und geistlichen Lebens, vom Papst bis zu Günter Grass. Keine nennenswerten internationalen Protestaufrufe, keine Massendemonstrationen weit und breit. In Genua - diesseits und jenseits der Hochsicherheitszäune - von Afghanistan keine Rede. Erstaunlich ruhig bleibt es selbst in den Reihen der feministischen Bewegung. Alice Schwarzer etwa regt sich lieber über Verona Feldbusch auf, statt ihre Präsenz in den Massenmedien für einen Aufschrei über die verzweifelte Lage der afghanischen Frauen zu nutzen.

Sicher, für die Hilflosigkeit der Weltöffentlichkeit gibt es nachvollziehbare Gründe. Afghanistan ist ein zuerst vom sowjetischen Kolonialkrieg, dann vom Bürgerkrieg zwischen diversen Warlords verwüstetes und erschöpftes, von Dürren und Hungersnöten gepeinigtes Land. So unerträglich sich die Realität der Taliban-Herrschaft ausnimmt, so lähmend wirkt das Wissen um die Alternativlosigkeit dieser Situation. Im bodenlosen Verfall scheinen die Taliban perverserweise als einzige überhaupt so etwas wie Stabilität zu garantieren. Welche Macht der Welt möchte sich auch noch einmal mit den Afghanen anlegen, nachdem diese dem sowjetischen Imperium eine blutige Niederlage beibrachten und damit seinen schließlichen Zusammenbruch erheblich beschleunigten? Doch all diese Faktoren können uns nicht davon entlasten, den moralischen Skandal offen zubenennen, den die Taliban-Herrschaft für die ganze Menschheit darstellt. Und unsere Euphorie über unsere eigenen angeblich so hohen moralischen Maßstäbe zu überprüfen, die in Wahrheit in eine immer größere Schieflage geraten. Milosevic wird in Den Haag vor Gericht gestellt, doch das machtbewußt auftrumpfende China wurde für seine systematische Missachtung elementarer internationaler Rechtsgrundsätze, in Tibet und zu Hause, soeben mit der Zuerteilung der Olympischen Spiele belohnt. Was bliebe da noch an moralischer Empörung übrig angesichts eines Regimes, das nicht einmal heuchelt, die Menschenrechte verbessern zu wollen, sondern deren Vernichtung stolz als sein Ziel proklamiert? Die Unverfrorenheit, mit dem die Taliban ihren KZ-Staat als heilige Utopie feiern, tötet jede Empörungsenergie ab.

Die Freiheit des Einzelnen gilt in diesem System nichts. Alle Lektüre, alle Kunst, die den barbarischen Vorstellungen der Herrschenden vom "reinen Islam" nicht entspricht, ist streng verboten. Eine bewaffnete Sittenpolizei überwacht die Bürger auf Schritt und Tritt, ob sie sich "un-islamischer" Verhaltensweisen schuldig machen. Zu diesen Vergehen gehört das Hören von nichtgeistlicher Musik ebenso wie das Tragen von "anglo-amerikanischer Haartracht".

Die größten Leidtragenden dieses fundamentalistischen Schreckensregiments sind jedoch die Frauen. Die Machthaber haben sie aller Rechte und Achtung beraubt und sie auf den Status einer Sache reduziert, die nur durch die Verfügungsgewalt ihres Besitzers, des Mannes, überhaupt eine Existenzberechtigung besitzt. Frauen ist es nicht erlaubt, ohne Begleitung eines Mannes das Haus zu verlassen. Sie müssen am ganzen Körper verschleiert gehen, die Augen hinter einem vergitterten Sehschlitz verborgen. Mädchen und Frauen ist jede Schulbildung verboten. Angebliche Ehebrecherinnen werden öffentlich gesteinigt.

Verschleiert und vergittert

Diese berserkerische Knechtung und Entwürdigung der Frauen, die in ihrer Radikalität alles bisher Dagewesene übertrifft, stellt im buchstäblichen Sinne ein Verbrechen gegen die Menschheit dar. Es handelt sich um eine offene Aggression, um einen Vernichtungsfeldzug gegen die größere Hälfte der Menschheit, der die Taliban das Menschsein absprechen, und den sie stellvertretend an den afghanischen Frauen exekutieren. Was ist das Pathos einer auf die Menschenrechtserklärung eingeschworenen "internationalen Gemeinschaft" wert, die diese Kriegserklärung gegen alle Errungenschaften menschlicher Kultur unbeantwortet läßt?

Das Schicksal Afghanistans dementiert die - teils euphorisch, teils apokalyptisch eingefärbte - Rede von der "Globalisierung", der angeblich niemand auf diesem Planeten entgehen könne. Diese "Globalisierung" ist durchaus selektiv: Um Weltgegenden, die den Anschluss verloren haben, macht sie einen großen Bogen. In Afghanistan bewahrheitet sich, weltwirtschaftlich betrachtet, der zynische Satz, nach dem es nur ein schlimmeres Los gibt, als ausgebeutet zu werden: nämlich nicht ausgebeutet zu werden. Das Horrorregime der Taliban stellt den gegenwärtig radikalsten Gegenentwurf zu unserem Ideal von einer kosmopolitischen Weltzivilisation dar; es demonstriert, wie man sich mit aller mörderischer Konsequenz aus dem zivilisatorischen Minimalkonsens der Weltgemeinschaft verabschieden kann.

Afghanistan scheint weit entfernt von den Problemen, die der westlichen Öffentlichkeit heute als die zentralen globalen Herausforderungen erscheinen. Die Taliban produzieren kaum Schadstoffe, die das Weltklima gefährden; sie betreiben keine Atomfabriken, keine Gen- und Stammzellenforschung, und sie haben angeblich sogar den Opiumanbau verboten. Auch an der Unterstützung des internationalen Terrorismus sind sie, entgegen amerikanischen Befürchtungen, eher mäßig interessiert. Sie begnügen sich - vorerst jedenfalls - damit, autark und selbstgenügsam das eigene Land in eine Hölle zu verwandeln.

Können wir also, auch wenn wir das Schicksal dieses gottverlassenen Landes zutiefst bedauern mögen, Afghanistan nicht schlicht und einfach vergessen? Das anzunehmen, wäre ein fataler Irrtum. Afghanistan ist ein Modell: Es zeigt, wie weit es an Orten kommen kann, an denen jede zivilisatorische Kontrolle zusammenbricht, religiös-ideologischer Wahn und Hoffnungslosigkeit eine explosive Verbindung eingehen und sich der organisierte Hass auf das Leben und die lebendigen Menschen mit der Verheißung einer besseren Welt bemäntelt.

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