Afghanistan : Der Frühling bringt den Tod

Deutsche Soldaten sterben am Hindukusch. Der Afghanistan-Einsatz wird mehr und mehr zum Thema in der deutschen Öffentlichkeit, aber eine existenzielle Debatte steht noch aus. Gedanken eines ehemaligen Afghanistankämpfers.

Marc Lindemann
Einer von 43. Der Oberstabsarzt Thomas Broer wurde am 15. April in der Provinz Baghlan getötet. Bei der Trauerfeier in Ingolstadt kondoliert der Verteidigungsminister. Foto: dpa
Einer von 43. Der Oberstabsarzt Thomas Broer wurde am 15. April in der Provinz Baghlan getötet. Bei der Trauerfeier in Ingolstadt...Foto: dpa

Der schwarze April am Hindukusch kam für die Staatsführung an der Spree nicht überraschend. Mit genügend Abgebrühtheit hätten die Redenschreiber der Bundeskanzlerin den Text der Regierungserklärung vom letzten Donnerstag schon vergangenen Herbst verfassen können. Denn dass die Frühjahrsoffensive der Taliban kommt, ist seit nunmehr vier Jahren auch im ehemals „ruhigen Norden“ Afghanistans, wo die Bundeswehr kämpft, so sicher wie der Wettstreit um die größtmögliche Betroffenheit danach.

Bei der Truppe ist die Frühjahrsoffensive ein feststehender Begriff, sie steht im Zentrum aller Prognosen, die Bundeswehrführung, Bundesnachrichtendienst und Auswärtiges Amt jedes Jahr ab Januar nach Berlin kabeln. Selbst der exakte Zeitpunkt dieser immer wiederkehrenden Offensive lässt sich so weit eingrenzen, dass es fast ausreicht, den Wetterdienst zu befragen. Der afghanische Frühling bringt den Tod. In diesem Jahr hat der Auftakt der schweren Gefechte sieben deutschen Soldaten das Leben gekostet. Letztes Jahr war es einer. Es hätten auch damals schon viel mehr sein können.

Wenn es dann passiert ist, dauert es meist keine zehn Minuten, bis die erste Nachricht auf meinem Mobiltelefon erscheint. Tote in KDZ. Geh’ mal ans Netz. Wer als Soldat dort gedient hat, schließt in jenen Momenten die Reihen – und sei es nur durch Informationsweiterleitung. In der nächsten Sekunde wird mir warm und die Atmung geht tiefer. Ist kein Rechner in der Nähe, suche ich einen; Familie und Freunde wissen, dass sie mich jetzt lieber nicht ansprechen sollten. Am besten gehen sie mir aus dem Weg.

Wenn ich dann mehr Details weiß, werde ich noch unerträglicher. Alle Gesprächsversuche weise ich abfällig und zynisch zurück. Den Zeitpunkt für die Wiederaufnahme von Belanglosigkeiten bestimme ich und niemand sonst. Ein falsches Wort, ein falscher Ton – und die Stimmung kippt.

Da ich mein eigenes Verhalten mittlerweile kenne, hat sich die Lass-ihn-in-RuhePhase seit 2005 deutlich verkürzt. Damals kam ich das erste Mal von einem Einsatz zurück. Tief beeindruckt und mit enormem Mitteilungsbedarf, hat es Wochen und eine Reise quer durch das südliche Afrika gedauert, um zu akzeptieren, dass sich zu Hause eigentlich niemand für Afghanistan interessierte. Selbst die wenigen, die die Geduld zum Zuhören aufbrachten, standen schnell im Verdacht, zu „oberflächlich“ nachzufragen. Zu Unrecht, nur drangen ihre Stimmen in der großen Menge der freundlich Desinteressierten kaum bis zu mir vor.

Das beginnt sich nun zu verändern. Zum einen reagiere ich pragmatischer und vermeide durch kurzen inneren Rückzug die unmittelbare Konfrontation mit den emotional Unbeteiligten. Zum anderen ist die Masse der Wegseher deutlich geschrumpft. Die Verdrängung – die ja das eigentliche Problem ist, nicht mein persönliches Leiden darunter – lässt nach. Mehr und mehr wird der Afghanistaneinsatz zum großen Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Die Zahl der Toten wird beziffert, ihre Namen werden genannt. Zeitschriften drucken die Bilder der Gefallenen, man spricht über Strategien und Scheitern, über öffentliche Trauer. Und über die Worte, die dem Einsatz angemessen sind: über Krieg. Die Politik stellt sich dem, notgedrungen.

Am Sonnabend, bei der Trauerfeier für die vier toten Soldaten in Ingolstadt, sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: „In politischer Verantwortung hat man Sie, verehrte Angehörige, auch um Verzeihung zu bitten.“ Das Wort Entschuldigung, fügte er in einer eigentümlichen Formulierung hinzu, sei unangebracht, „da Schuld und die Fähigkeit zu zweifeln mit Verantwortung einhergehen – aber Verzeihung.“ Was genau möchte er verziehen wissen? Die Entscheidung der Regierung, diesen Krieg zu führen? Dass deshalb Soldaten sterben? Oder geht es um die jahrelange öffentliche Ignoranz, um die Verdrängung Afghanistans? Die immer noch unzureichende Bewaffnung der Truppen und die nicht erkennbare Strategie? Dann nämlich wäre das Wort Entschuldigung sehr wohl angebracht.

Verantwortlich für das zunehmende öffentliche Interesse sind die Särge. Wenn der Transport der Gefallenen in die Heimat beginnt, werden für wenige Tage all die Fragen gestellt, die bereits 2001, zu Beginn des Wagnisses mit dem Namen ISAF, so notwendig gewesen wären. Welche Ziele können wir in Afghanistan erreichen? Wie viele Opfer ist uns das wert? Und wann ziehen wir die Notbremse?

Diese unangenehme, quälende, aber existenzielle Debatte lässt immer noch auf sich warten. Die Fragen werden gestellt, es sind einfache Fragen. Aber an die Antworten vermag sich keiner auch nur heranzutasten. Wie viele tote deutsche Soldaten soll es noch geben, um ein Ziel zu verfolgen, dass sich mehr und mehr als Chimäre entpuppt?

Und noch etwas hat sich in den letzten Monaten verändert, unauffällig, fast heimlich: die Ziele der Bundesregierung. Die Reden über „Demokratisierung“, „Hilfe für dieses geschundene Land“ oder „Verantwortung für die Menschen Afghanistans“ sind verstummt. Wäre es nicht so tragisch, weil es Menschen das Leben kostet, könnte man über den absurden Bogen lachen, den die deutsche Afghanistanpolitik genommen hat: vom Kampf gegen Al-Qaida-Stützpunkte und von der uneingeschränkten Solidarität weiter über Mädchenschulen und hochnäsige Kritik am Vorgehen der Verbündeten im Süden des Landes bis zur quälend langen Zeit des Selbstbetrugs, als der schöne Schein des leicht bewaffneten Friedenseinsatzes unter allen Umständen aufrecht erhalten werden sollte. Bis auch dies schließlich nicht mehr gelang.

Heute steht die schwarz-gelbe Bundesregierung da, wo die SPD unter Gerhard Schröder einst angefangen hatte: bei der Absicht, die eigene nationale Sicherheit zu erhöhen und durch Bündnistreue den Einfluss in der Nato zu erhalten.

„Es gab manche Fortschritte, es gab zu viele Rückschritte und unsere Ziele waren zum Teil unrealistisch hoch oder sogar falsch.“ Mit diesem Satz machte die Kanzlerin den Bogen zum Kreis. Nicht ein einziges Mal in diesen neun Jahren ist es den verschiedenen Bundesregierungen gelungen, eine klare Richtung vorzugeben und einzuhalten. Dies taten immer die anderen: die Taliban, die Verbündeten, Wahltermine in der Heimat. Ja selbst das Wetter hatte stets mehr Einfluss auf die Lage im Norden Afghanistans als die imposanten Schaltzentralen im Herzen Berlins.

Die Orientierungslosigkeit der deutschen Afghanistanpolitik ist es letztlich, die mir die Lunge zusammendrückt, wenn unsere Soldaten fallen. Der plötzliche Tod dieser lebenshungrigen jungen Männer wiegt doppelt schwer, wenn mich das Gefühl beschleicht, dass es vergebens gewesen sein könnte.

Was also jetzt? Sofort raus, weil bis heute so gut wie nichts erreicht wurde? Den Kreis in Richtung Heimat verlassen, die Wunden lecken und hoffen, dass der nächste Einsatz dieser Art Deutschland erst in weiter Zukunft ereilt? Die Kanzlerin lehnt das ab, zu Recht. Denn es gibt nach wie vor Gründe, diesen Krieg zu führen. Afghanistan in den Händen von Extremisten, das bedeutet heute eine genauso direkte Bedrohung für unsere Sicherheit und damit für unsere Freiheit wie vor neun Jahren. Bei einem Rückzug wäre sie vermutlich sogar größer als 2001.

Also bleibt vorerst nur ein Ziel: eine Frühjahrsoffensive 2011 durch Standfestigkeit und Mut zu verhindern. Voraussetzung dafür ist die klare Benennung dessen, wofür die Bundeswehr in Afghanistan eingesetzt wird. Die Verteidigung unseres Wertesystems ist die entscheidende Legitimation, warum deutsche Soldaten am Hindukusch ihr Leben riskieren und mehr und mehr auch verlieren. Es gibt keinen besseren Grund für diesen Krieg.

Doch selbst mit einer entschlossenen, mutigen Bundesregierung wird sich der schwarze April aller Wahrscheinlichkeit nach wiederholen. Ihm kann ein schwarzer Mai, Juni oder Juli folgen, und wieder wird es die einfachen Fragen mit den unaussprechlichen, vielleicht gar unmöglichen Antworten geben. Keiner kann den Wert der Freiheit in Menschenleben beziffern. Sicher ist nur: Er sollte hoch sein.

Der Autor ist Politologe und war Nachrichtenoffizier für die Bundeswehr in Afghanistan. Sein Buch „Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ ist bei Econ erschienen (288 S., 18,95 Euro).

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