Kultur : Afghanistan: Der Mann, der schon viele Tode starb

Elke Windisch

Totgesagte leben bekanntlich lange. Im Wortsinne wie im politischen. Auch Usbeken-General Abdurraschid Dostum, den die Medien schon mindestens zweimal den physischen und unzählige Male den politischen Tod sterben ließen, dürften die Höhen seiner Karriere noch bevorstehen. Wer Kabul hat, hat nach afghanischem Politikverständnis das Vorkaufsrecht beim Schacher um Regierungssitze. Die Stadt nahmen am Dienstag vor allem die Milizen Dostums ein. Angeblich, so meldet es ein russischer Privatsender, habe Washington dem bulligen Achtundvierzigjährigen 200 Millionen Dollar zugesteckt, um Taliban-Kommandeure zu kaufen und umzudrehen. Und so die von Moskau favorisierten Tadschiken der Nordallianz auf die Plätze zu verweisen.

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Dostums - wörtlich übersetzt bedeutet der Name "mein Freund" - militärische Hausmacht ist die mit Abstand schlagkräftigste in Afghanistan. Ihm selbst bescheinigen Warlords aus beiden Lagern eine fast unfehlbare Intuition, die ihn stets zur rechten Zeit am rechten Ort auf die richtige Seite stellt. Obwohl - vielleicht sogar gerade - weil der Bauernsohn aus Schiberghan nur einen Volksschulabschluss vorweisen kann. Im Afghanistan der Sechziger ganze vier Jahre.

Schlechte Karten für einen Mann, dessen wichtigster Antrieb glühender Ehrgeiz ist. Als Wachmann im örtlichen Glaswerk kann er den nicht austoben. Seine Chance kommt mit dem Einmarsch der Sowjets, in deren Einheiten er sich durch rücksichtslose Härte im Kampf gegen die Mudschahedin in knapp sechs Jahren vom Muschkoten zum General hoch dient. Zweimal zeichnet Moskaus Marionette Nadschibullah ihn als "Held der Republik" aus. Dostum dankte auf seine Art.

Zwar hielt seine Division nach Moskaus Abzug - von dem zurückgelassenen Kriegsgerät zehrt seine Truppe bis heute - die Mudschahedin zunächst von Kabul fern. Im Frühjahr 1992 aber schneidet er seinem Kriegsherrn den Nachschub aus dem Norden ab, worauf das Regime kapituliert. Der neue Präsident Rabbani belohnt den bisherigen Gegner mit dem Amt des Vizekriegsministers. Für Dostum - inzwischen Herr von 60 000 Soldaten - zu wenig. Seine Truppe wirft den zum Premier ausersehenen Paschtunenführer Hekmatyar, dem er schon als Sowjetsoldat in herzlicher Feindschaft zugetan war, aus Kabul und sprengt damit Koalitionsregierung und den brüchigen Frieden.

Nachdem er vergeblich versucht, den ebenfalls als Rivalen empfundenen Kriegsminister Schah Massud aus dem Amt zu drängen, zieht er sich in sein Homeland im Nordwesten zurück, das fortan dem Einfluss der Zentralregierung entzogen bleibt. Als die 1996 vor den Taliban aus Kabul flüchtet, schließt Dostum sich deren Truppen zwar zeitweilig an. Doch bei der Entscheidungsschlacht um Mazar-i-Scharif im Sommer 1998 laufen Teile seiner Hausmacht, darunter auch sein Vize Abdulmalik, zu den Taliban über. Inwieweit Dostum, der danach emigrierte und erst im Frühsommer wieder in der Heimat auftauchte, an dem Verrat eine Aktie hat, ist bis heute ungeklärt.

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