Kultur : Afghanistan: Dicht dran

Frank Jansen

Auch ein toter Terrorist kann enorm gefährlich sein. Als sichtbar präsentierte Leiche und als Gefallener, der nach dem Kampf nicht mehr identifiziert werden kann. So geistert Osama bin Laden durch die Analysen von Sicherheitsexperten wie ein nahezu unbesiegbares Phänomen. "Zeigen wir seinen Kopf, wird er automatisch ein Märtyrer", heißt es. Gelte der Terroristenchef als verschwunden, mutiere er zur Fabelfigur, die gerüchteweise immer wieder auftaucht. "Das bedeutet für uns fast eine No-win-Situation", sagt ein Fachmann. Womit angedeutet wäre, was mit der Jagd auf bin Laden, den Niederlagen der mit ihm verbündeten Taliban und der Afghanistan-Konferenz in Deutschland im Kampf gegen den Terrorismus gewonnen wird: Vor allem Zeit.

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Die Ausbildung neuer Terror-Rekruten ist unterbrochen, nachdem die US-Luftwaffe die rund zwei Dutzend Lager von bin Ladens Organisation Al Qaida weitgehend zerstört hat und das Areal der Taliban stark geschrumpft ist. Nun kommt es darauf an, ein halbwegs stabiles Regime zu installieren. Versinke das Land wieder im Bürgerkrieg, könnte sich Al Qaida reorganisieren oder eine Nachfolge-Gruppe etablieren, befürchten Sicherheitsexperten. Die Ausbildung von Kämpfern wäre innerhalb von Wochen wieder möglich. Die im Kampf gegen Taliban und Terror gewonnene Zeit ist knapp.

Mit 50 Leibwächtern

Das gilt allerdings auch für Osama bin Laden. Sein Bewegungsspielraum ist eingeschränkt auf die von den Taliban beherrschten Gebiete, also im Wesentlichen auf die Provinz Kandahar im Süden Afghanistans. Vermutlich steckt der Terroristenchef nicht mehr in einem der rund 500 Höhlensysteme, die von den Amerikanern lokalisiert und angegriffen worden sind - die sie zum Teil, während der sowjetischen Besetzung des Landes, mit den damaligen Widerstandskämpfern angelegt haben. Sicherheitskreise vermuten jetzt, dass bin Laden mit nur einer relativ unauffälligen Leibwache von etwa 50 Kämpfern unterwegs ist. Als potenzielles Versteck gelten die weit verzweigten Bewässerungsanlagen, über die der Süden aus den Bergen des Nordens versorgt wird. Der mittelalterliche Graben- und Stollenkomplex ist im Laufe der Jahrhunderte zu einem unübersichtlichen Gewirr ausgewuchert. "Es wird für die special forces schwer, sich da hinein zu vertiefen", sagt ein Sicherheitsfachmann. Dennoch ist eine Flucht bin Ladens offenbar eher eine Frage der Zeit.

Ausweichen kann und wird er wahrscheinlich nur nach Pakistan. Ziel könnte dort die an den Südosten Afghanistans grenzende North-West Frontier Province sein. Dort leben vor allem Paschtunen. Die afghanischen Taliban zählen in ihrer überwiegenden Mehrheit ebenfalls zu dieser Volksgruppe. In der pakistanischen Grenzprovinz wurden (und werden?) außerdem Guerillas für den Kampf im indischen Teil Kaschmirs ausgebildet, teilweise mit Hilfe von bin Laden. Dessen Möglichkeiten, nach Pakistan zu gelangen, beschränken sich allerdings nach Auffassung der Sicherheitsexperten auf zwei Routen. Der Terrorist könnte versuchen, im Strom der Flüchtlinge unterzutauchen, die aus der Provinz Kandahar ins Nachbarland drängen. Oder er bewegt sich zur ostafghanischen Grenzprovinz Nangahar, in der die Machtverhältnisse unübersichtlich sind. Hier stehen sich Taliban-Kämpfer, vor allem pakistanische Freiwillige, und Truppen der Nordallianz gegenüber. Südlich von Nangahar befand sich die Zentrale des Lagersystems von Al Qaida.

Somalia scheidet aus

Pakistans Militärherrscher Musharraf hat die Grenztruppen verstärkt, um einen Übertritt des Terroristen zu verhindern. Ob das reicht, ist fraglich. Sicher ist nach Auffassung von Experten, dass eine Flucht in den Irak oder nach Somalia kaum zu erwarten ist. Saddam Hussein wolle sich zu seinen Problemen nicht auch noch einen gefährlichen Islamisten aufladen, außerdem werde der Irak von den USA "engstens überwacht". Somalia scheide aus, weil die US-Streitkräfte hier nahezu ideale Bedingungen für einen raschen Einsatz vorfinden. Um in dem Bürgerkriegsland zu intervenieren, muss nicht erst ein Nachbarstaat von notwendiger Hilfe überzeugt werden. Anders als in Afghanistan. Somalia liegt am Indischen Ozean - ein Hindernis für Flugzeugträger gibt es nicht.

Eine Gefahrenquelle bleibt allerdings erhalten, unabhängig vom Schicksal bin Ladens. Weltweit gibt es Zellen des Al-Qaida-Netzwerks, die weitgehend autonom agieren. Sie sind vermutlich gut ausgestattet, auch finanziell - obwohl die Golfstaaten begonnen haben, die Geldflüsse zwischen bin Laden und Sympathisanten zu blockieren. Das kümmert die Zellen fanatischer Kämpfer wenig. Die von ihnen ausgehende Gefahr dürfte sogar zunehmen, sollte bin Laden getötet werden. Ein Experte: "Dann nehmen sie auf eigene Faust Rache."

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