Kultur : Afghanistan: Die alten Gesichter

Gabriele Venzky

Die Herrschaft der Taliban in Afghanistan scheint ihrem Ende zuzugehen, und der Auflösungsprozess beschleunigt sich. Damit droht jedoch ein Vakuum, die Anarchie. Washington hat bisher wenig Neigung gezeigt, sich in die Überlegungen: "Was kommt nach den Taliban?", einbinden zu lassen. Doch der Druck, Position zu beziehen, nimmt zu. Angesichts der sich anbietenden Alternativen zu den Taliban ist das fast unmöglich. Denn keine von ihnen wäre in der Lage eine "akzeptable Koalition", wie die USA es sich wünschen, aufzubauen. Dementsprechend vorsichtig formuliert auch die Bush-Administration ihr jüngstes Memorandum: "Wir wollen nicht bestimmen, wer Afghanistan regiert, aber wir werden denen beistehen, die ein friedliches, sich wirtschaftlich entwickelndes Afghanistan anstreben, in dem es keinen Terrorismus gibt."

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Zwangsläufig bringt das Washington in Kontakt mit dem afghanischen Ex-König Zahir Schah, der 1933 nach der Ermordung seines Vaters als neunzehnjähriger auf den Thron gekommen und 40 Jahre später von seinem Vetter gestürzt worden war. Seit 28 Jahren lebt der heute fast 87-Jährige im römischen Exil, fern von der wirren afghanischen Wirklichkeit. Immer dann ist er ins Spiel gebracht worden, wenn die sich unentwegt bekämpfenden Fraktionen nicht weiterwussten und nach einer so genannten Integrationsfigur Ausschau hielten.

Wirklichkeitsfremd

Damals wie heute hat sich der alte Mann den Hilferufen nicht verschlossen. Doch zum Einsatz kam er nie. Immer, wenn er antreten sollte, waren alle, die ihn gerufen hatten, schon wieder zerstritten. Wenn er jetzt abermals sagt, er sei bereit, nach Afghanistan zurückzukehren, um sein Volk zu einigen, so klingt das zwar pflichtbewusst, aber auch etwas wirklichkeitsfremd. Denn wen will er eigentlich einigen in einem Land, das sich nicht einigen lassen will? Taliban-Führer Mullah Omar lehnt aus guten Gründen den Ex-König rundweg ab. Auch die Kriegsherren der so genannten Nordallianz spielen nicht mit offenen Karten, wenn sie sich jetzt mit Zahir Schah zusammentun. Denn auch sie wollen ihn im Grunde nicht. Aber sie brauchen, da sie alle den ethnischen Minderheiten angehören, für die Machtübernahme ein paschtunisches Aushängeschild. Die Paschtunen sind das Mehrheitsvolk und ohne sie läuft nichts in Kabul. Der Paschtunen-König Zahir Schah, ein Mann ohne eigene Ambitionen, wäre genau die richtige Symbolfigur, hinter der man eigenen Machtgelüsten nachgehen kann.

Zahir Schah will nun nach 38 Jahren wieder eine Loya Jirga zusammenzurufen, also die traditionelle riesige Versammlung der Repräsentanten der Stämme, Völkerschaften und politischen Gruppierungen, damit sie "über die Zukunft des Landes entscheiden". Doch ob so die Probleme Afghanistans gelöst werden können, ist eher unwahrscheinlich. Denn so viele Teilnehmer es an der Jirga gibt, so viele Interessen gibt es.

So wie sie sich plötzlich für den Ex-König erwärmen, so unterstützen auf einmal die Kriegsherren der Nord-Allianz auch die Loya Jirga, beides aus dem gleichen Grund: als Angehörige der Minderheiten haben sie keine Chance, ohne Aushängeschild an die Macht zu kommen. "Die Nummer Eins zu sein, wäre nicht klug, aber die Nummer Zwei möchte ich schon sein", sagte einmal der Usbekengeneral Rashid Dostum zur Autorin dieses Textes.

Die Rückkehr der Kriegsfürsten

Dostum, der machtlose Präsident der Nordallianz Burhanuddin Rabbani, Ismail Khan und all die anderen, die nach dem Abzug der Sowjets in unablässigen Machtkämpfen das Land zerstörten und das absolute Chaos heraufbeschworen, stehen nun wieder in den Startlöchern. Allein der Gedanke, dass diese Leute wieder an die Macht kommen könnten, hat neben der Furcht vor US-Angriffen Hunderttausende zur Flucht bewegt. Der schlimmste dieser Kriegsfürsten war der von den USA und Pakistan aufs Üppigste ausgestattete Gulbuddin Hekmatyar, der als Paschtune damals den Anspruch auf Kabul erhob und, als die anderen ihm nicht nachgeben wollten, die noch intakte Hauptstadt mit seiner Artillerie in zweijährigem Dauerbeschuss in Schutt und Asche legte. Der religiöse Eiferer, der als Student auf der Universität Kabul Studentinnen Säure ins Gesicht schüttete, wenn die ihm nicht verschleiert genug waren, und der später die Dienste bin Ladens als Finanzberater nutzte, verlangt für sich aus seinem bequemen Exil in Teheran abermals eine Sonderrolle: Als dritte Partei, die weder etwas mit dem König noch mit der Nordallianz zu tun habe, will er sowohl gegen die Taliban als gegen "die US-Invasoren" kämpfen.

Auf der Suche nach einer Alternative hat Afghanistan deshalb noch einen langen Weg vor sich. Wenn es denn überhaupt eine Alternative gibt.

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