Kultur : Afghanistan: Die Hoffnung ist schon da

Elke Windisch

Rein nach Aktenlage lässt sich in Afghanistan alles gut an: Die Taliban sind militärisch formell besiegt, die Regierungsbildung ist abgeschlossen. Erstmals seit 23 Jahren bekommt der vom Bürgerkrieg zerrüttete Wüstenstaat heute ein Kabinett, das die wichtigsten, wenn auch nicht alle politisch, ethnisch und religiös relevanten Interessengruppen vertritt und von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt ist.

Die Faktenlage stimmt weniger optimistisch: Die auf dem Petersberg festgezurrte Regierung, deren letzte Ressorts bei Verhandlungen von Übergangspremier Hamid Karsai mit Ex-König Sahir Schah in Rom besetzt wurden, ist bisher lediglich eine roher Überbau ohne funktionierende Strukturen und Basis. Aber das Prinzip Hoffnung zählt, und siehe da, es gibt Fortschritte: Eine Schiffsladung aus Kopenhagen brachte schwedische Möbel, Computer, Stromgeneratoren und Boxen mit Bleistiften für die 30 Ministerialbüros nach Kabul. Zwei Techniker sollen die Büros einrichten und das Verwaltungspersonal schulen.

Und dennoch: Die reale Macht der Karsai-Truppe endet im Süden und Osten schon wenige Kilometer außerhalb Kabuls. Die Kämpfer der Nordallianz, für die neue Regierung bis auf weiteres einziges Vollzugsinstrument ihrer Verfügungen, haben bisher nicht einmal die volle Kontrolle über die zentralen Verkehrswege. In weiten Teilen des Landes - sowohl in dem von Tadschiken und anderen ethnischen Minderheiten bewohnten Norden, als auch im paschtunischen Süden - hat sich nach dem Kollaps der Taliban ein Machtvakuum etabliert.

Neue Runde im Machtpoker

Das könnten die nach wie vor auf Autonomie pochenden Größen der Nordallianz und die kaum weniger zerstrittenen Paschtunenhäuptlinge nutzen, um ihre Claims für eine mögliche neue Runde im afghanischen Machtpoker abzustecken. Beide Seiten werden dabei hart bedrängt von gewöhnlichen Räuberbanden, deren Chefs sich um internationale Abmachungen noch weniger scheren als die Warlords.

Eine Gewaltenteilung, die die Zentralregierung, die es bisher allein dem Namen nach ist, nur durch Verhandlungen mit Guerillas und Ganoven allmählich rückgängig machen kann. Ihr Ausgang ist durch fehlenden Konsens zwischen Volk und Spitzenpolitikern - Karsai ist im Norden ein Unbekannter, den Jungtürken der Nordallianz unterstellt der Süden Böses - ebenso ungewiss, wie die Beschlüsse der geplanten Stammesversammlung Loya Dschirga, die das Kabinett bestätigen muss. Maßgebliche Protagonisten der afghanischen Tragödie: Warlords wie Usbeken-General Dostum, der die Beschlüsse der Bonner Konferenz nicht anerkennt und versuchen dürfte, sie mit traditionellen Methoden zu korrigieren - mit Gewalt.

Eine internationale Friedenstruppe mit nur 1000 Bewaffneten und befristetem Mandat, auf das Karsai, offenbar auf Druck der Nordallianz, pocht, vermag da wenig. Zu Recht hat sein Kabinett daher die Aufstellung einer nationalen polyethnischen Polizei und Armee zur vordringlichsten Aufgabe erklärt. Dazu müssten die Warlords jedoch Teile ihrer Milizen zur Verfügung stellen, was angesichts der Unwägbarkeiten des Friedensprozesses höchst unwahrscheinlich ist.

Langzeit-Risikofaktor bleiben zudem die Ausländer-Kontingente der Taliban. Ein Viertel ihrer Streitmacht ist zum Partisanenkrieg verdammt: Ihr Status, einschließlich Sicherheitsgarantien, war in Bonn kein Thema, beim Gefangenen-Austausch zwischen Taliban und deren Gegnern haben sie als Ausländer keinerlei Marktwert und zu Hause - in Zentralasien, Westchina, Tschetschenien und den meisten arabischen Staaten - wartet der Henker auf sie.

Enormer Erwartungsdruck

Auch steht das neue Kabinett unter enormem Erwartungsdruck. Schnelle Erfolge sind jedoch selbst mit massiver Hilfe beim Wiederaufbau - Experten gehen von zehn Milliarden US-Dollar aus - nicht zu erwarten. Afghanistan ist momentan so zerrüttet, dass es in den nächsten fünf Jahren kaum mehr als zwei bis drei Milliarden Dollar Aufbauhilfe nutzbringend einsetzen kann. Fraglich ist zudem, ob der Westen, der den Krieg gegen die Taliban erklärtermaßen nur zur Terrorbekämpfung führte, zu einem langfristigen Engagement in Afghanistan bereit ist, bei dem herbe und zahlreiche Rückschläge unausweichlich sind. Vor allem dann, wenn statt Afghanistan Somalia Schlagzeilen macht. Wen kümmert dann noch das Elend am Hindukusch?

Auch bisher nur in Ansätzen erkennbare Interessenkonflikte innerhalb der Anti-Terror-Koalition - einerseits zwischen Russland und den USA wegen der sich abzeichnenden Neuordnung Zentralasiens, andererseits zwischen den Frontstaaten - haben weitreichende Auswirkungen auf den Bestand der Übergangsregierung. Vor allem Iran und Pakistan, die in Afghanistan traditionell eigene Interessen und Hebel zu deren Durchsetzung haben, müssen durch konkrete Beteiligung am Wiederaufbau stärker in den Friedensprozess integriert werden. Zumal die neue Regierung sich bereits ostentativ um Unterstützung durch Indien bemüht. Für Pakistan könnte das womöglich wegen des Kaschmir-Konflikts mit Indien der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

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