Kultur : Afghanistan: Die Talibanditen

Rudolf Mathar

Die kulturpolitische Raserei in Afghanistan ist ein Akt der Selbstzerstörung. Während alle internationalen Interventionsversuche scheitern, wurden inzwischen nicht nur die beiden bekannt gewordenen großen monolithischen Buddha-Figuren von Bamiyan zerstört, sondern auch eine Statue im Kakrak-Tal und viele weitere Relikte einer imposanten vor-islamischen Vergangenheit an den Kreuzwegen der ehemaligen Handelsrouten zwischen China und Byzanz: allesamt stumme Zeugen einer seit Jahrhunderten ausgelöschten Kultur.

Revolutionen fressen ihre Kinder. Dass aber eine atheistische Kulturrevolution sozusagen Pate steht und im Namen Gottes vorgeht, ist eine ungeahnte Perversion dieses Allgemeinplatzes. Der erste Dammbruch in Afghanistan ereignete sich schon 1973 mit dem Putsch gegen die Monarchie, setzte sich fort unter den Satrapen-Diktaturen zur Zeit des sowjetisch-afghanischen Konflikts und gipfelt nun im Bürgerkrieg der mehrheitlich paschtu-sprachigen Taliban unter ihrem Präzeptor Mullah Mohammed Omar aus Kandahar. Für Rückendeckung im Kampf gegen die mehrheitlich persisch-sprachige, sogenannte Nordallianz unter Führung von Ahmad Schah Massud sorgt der saudische Terror-Pate Bin Laden.

Diese Götterdämmerung ist erst zu Ende, wenn auch die Taliban am Ende sind, so sehr sie sich als Gralshüter des Islam gerieren. Es ist ein Stück Selbstentwertung aus zutiefst missverstandener religiöser Überzeugung, eine gesellschaftliche Tragödie. Die Taliban verraten alles, was Kultur in Afghanistan ausmachte, und das ist nicht wenig.

Religiösen Fundamentalismus gab es auch vor der Hybris der Taliban, und vieles in Afghanistan war primitiv: im Sinne von unmittelbar, ursprünglich, alttestamentarisch. Blutrache wurde ebenso wenig ausgeschlossen wie Wahlverwandtschaft - und doch unterscheidet sich solche Archaik vom heutigen, staatlich sanktionierten Terror. Es gab in Afghanistan zum Beispiel keine verordnete Fremdenfeindlichkeit. Der Fremde war zunächst einmal Gast, der mit dem Friedensgruß willkommen geheißen wird: assalam aleikum ... Darauf folgte ein Ritual von gegenseitigen Segenswünschen: eine Mischung aus Formelhaftigkeit und Zuwendung, die sich in einer zweiten, geradezu homerischen Stufe vergewissert: Von wem (selten: wer) seid ihr, woher kommt ihr? Die dritte Annäherung ist die fundamentalste: Besitzt ihr das Buch (der Bücher)? Angehöriger einer Buchreligion, also Monotheist zu sein, berechtigt nämlich, das Brot miteinander zu brechen. So gelten die Anhänger des Propheten Issa (Jesus) als lediglich fehlgeleitete Brüder. Aber wehe denen, die das Buch hatten und es willentlich verwarfen! Sie sind verdammenswürdiger als die hinduistischen Götzenanbeter mit ihren unreinen Inkarnationen. Atheistische Kommunisten galten so auf der Stelle als vogelfrei.

Mein Haus ist dein Haus!

Die letzte Grußformel war eine Einladung in die Familie: Mein Haus (oder Zelt) sei auch Euer Haus! Was ist mit unseren Frauen? Antwort: Sie sind unsere Schwestern! So wurde auch die Europäerin, die alleine im Basar unterwegs war, selbstverständlich als Schwester angeredet. In diesem Land ohne Fernsehen, öffentliche Straßennamen und regelmäßigen Postzustelldienst - landesweite Radiovernetzung und Elektrifizierung stecken in den Anfängen - gab es ungezählte Beispiele tiefer Menschlichkeit.

Da ist der Methusalem, der auf einsamem Tagesmarsch durch die Steinwüste seinen Knappsack abschultert und der jungen motorisierten deutschen Familie seine halbe Brotration anbietet. Da ist zum anderen der Nomaden-Patriarch, der dem wartenden Fremden zur Bannmeile vor dem Zeltlager sein gesatteltes Pferd durch seinen ältesten Sohn entgegenschickt, den Gast mit Friedensgruß und Handreichung ins offene Männerzelt führt, für Handwaschung sorgt - Wasser, aus einer entfernten Oase herangeschafft, ist vom Kostbarsten - und heiße, gezuckerte Ziegenmilch reichen lässt.

Oft war auch Schlitzohrigkeit im Spiel: Getankt wurde per Ansaugen mit Schlauch aus ausgedienten Teerfässern. Aber es empfahl sich dringend, nicht direkt in den Tank abzufüllen, sondern den Umweg über die Maßeinheit des Zwanzigliter-Reservekanisters zu nehmen und direkt an Ort und Stelle das Wechselgeld zu überprüfen. Denn immer wieder waren Doppelfaltungen im Handbündel eingefingert. Ebenso empfahl es sich, vor der Weiterreise die Standprofile der Reifen auf schräggestellte Nägel abzutasten. Intern hieß das Sanddorn-Aperitif, gern eingeschenkt an gottverlassenen Flecken, wo eine unvorhersehbare Reparatur oder eine Übernachtung der Fremden den halben Weiler hätte ernähren können. All das ließ sich mit gelassenem Witz und etwas Bakhschisch ins Lot rücken.

Hiervon weiß das heutige Terror-Regime, ein Derivat von räuberischer Primitivität, nichts mehr. Seine Kontaktkultur symbolisieren nur noch Gewehrmündungen. Fremdenfeindlichkeit ist inzwischen sogar Bestandteil jener staatlichen Tugenden, wie sie die Taliban verkünden. Und die als moralisch verkommen verhöhnte westliche Welt sieht sich mit der zynischen Antwort der Taliban konfrontiert: Die Hungernden in Afghanistan verdienten offenbar weniger internationale Aufmerksamkeit als das unreine Geröll in Bamiyan.

Geraubte Schätze - in Japan entdeckt?

Die Rede ist von einer Pax Talibana. Eine fatale Heils-und Erlöserpose, von der sich aufgeklärte Muslime weltweit kopfschüttelnd distanzieren. Andererseits ist Nachdenken nicht verboten. Nachdenken über Absurditäten der eigenen Kulturgeschichte, in der Christen darüber diskutierten, ob Indios Menschen oder höher entwickelte animalische Gottesgeschöpfe, ob Juden liebens- und lebenswert, ob Frauen gleichberechtigt oder Kopftücher womöglich gefährlich sind.

Man besuche einmal einen Kongress zum Thema Afghanistan, wie im vergangenen Jahr in Köln oder München: Man entdeckt Spiegelbilder von Zerrissenheit und zorniger Ohnmacht, Heimatlose und ihre Kulturzeugen, zwischen den geopolitischen Kräftefeldern: im Spiel der direkten Nachbarn wie der Mittel- und Großmächte. Die alten zaristischen und dann sowjetischen Interessen auf der einen und die imperialbritischen auf der anderen Seite sind heute ersetzt durch die amerikanischen und die fundamentalistischen Einflüsse. Es geht um Wasser, nicht um Frieden, um Öl und Gas, nicht um Freiheit, um Bodenschätze und nicht um gesellschaftliche Entwicklung.

Manches ist nachvollziehbar, vieles nicht zu rechtfertigen. Wir sichten die Bruchstücke einer paralysierten Idylle, die nie eine war. Könnten die Buddhas reden, sie berichteten auch vom Schweiß der Frondienstler, die die Abbilder in Stein schlugen, von der blasphemischen Blendung, die die arabische Eroberung vollzog, vom Blut, das Dschingis Khans Horden in der Roten Stadt und in der Stadt des Schweigens am Bamiyanfluß vergossen, vom Inferno dieser Tage.

Zu viel wurde zerstört, und vieles in alle Welt zerstreut. Trotzdem bleiben Zeugnisse der alten Kultur. Eine Sensation ist das von I. M. Pei gebaute, spektakulär in die Berge hinter der einstigen japanischen Kaiserstadt Kyoto gesetzte Miho Museum bei Kyoto. Dort hat die inzwischen hochbetagt verstorbene Milliardärin Mihoko Koyama mit ihrer Kollektion asiatischer, ägyptischer sowie griechischer und römischer Kulturgüter ein in Europa fast unbekanntes Schatzhaus gestiftet. Und dort trifft der Besucher in der Islamischen Abteilung auf einen Saal erlesener Exponate aus Afghanistan, Kunstwerke in Stein, Keramik, Metall, die entzücken - und erschrecken. Denn man möchte nicht wissen, auf welchen Wegen diese Stücke nach Japan gelangt sind. Die talibanischen Gotteskrieger jedenfalls handeln nicht nur mit Drogen, sie nehmen harte Währung auch für die von ihr verteufelte Kunst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar