Afghanistan : Im Tal der Trümmer

Die Ruhe trügt: Deutsche Denkmalpfleger sichern die Überreste der gesprengten Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan.

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Mit dem schwindenden Vertrauen in die Bereitschaft des afghanischen Präsidenten Karsai, weiterhin mit den in seinem Land engagierten westlichen Staaten zusammenzuarbeiten, rückt das nicht-militärische Engagement des Westens ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Denn darum geht es doch: um den Aufbau einer Zivilgesellschaft, in der die fundamentalen Menschenrechte geachtet und geschützt werden. Zu einer solchen Zivilgesellschaft gehören das kulturelle Erbe und die eigene historische Identität. Dagegen, und nicht allein gegen das materielle Denkmal, waren die Sprengladungen gerichtet, mit denen die Taliban im März 2001 die beiden Riesenstatuen des Buddha aus ihren Felsnischen in Bamiyan heraussprengten.

Einerlei, ob es um das Bilderverbot des strenggläubigen Islam ging oder doch eher um die medial vermittelte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, die die Taliban-Zyniker erfolgreich erregten: Die Buddhas sind zerstört. Aus ihren Nischen im weichen Fels von Bamiyan gähnt die Leere. Anfängliche Visionen, die Buddhas – der östliche 38 Meter hoch, der westlich gelegene gar 55 Meter – wiederzuerrichten, erwiesen sich schnell als hilflos. Denn die Buddhastatuen, monolithische, aus dem Fels herausgeschälte Skulpturen, waren längst in ruinösem Zustand, als die Bombenleger der Taliban Hand an sie legten. Die Gesichter waren abgeschlagen, die einstmals wohl beweglichen hölzernen Arme schon vor Zeiten abgefallen. Was geblieben war und sich dem Besucher darbot, waren großartige Monumente der Hochkultur der Gandhara-Zeit, die in diesem unwirtlichen Teil der Erde im 6./7. Jahrhundert eine faszinierende Brücke zwischen den Kulturen geschlagen hatte. Bamiyan liegt an einer der Routen der Seidenstraße, auf der Orient und Okzident, Griechenland und Indien miteinander Austausch pflegten.

Deutschland ist in besonderer Weise mit Afghanistan verbunden, insbesondere in den Bereichen Bildung und Ausbildung, und ist daher prädestiniert, beim mühsamen Aufbau einer zivilisierten Gesellschaft mitzuarbeiten. So ist die Rettung der Buddha-Statuen – oder besser die konservatorische Betreuung ihrer steinernen Trümmer – mittlerweile zur Alleinaufgabe deutscher Denkmalpfleger geworden; eine Gruppe von japanischen Forschern kümmert sich um die Wandmalereien der zahlreichen Höhlenklöster. Durch einige der Höhlen gelangte man früher zum Kopf des großen Buddha.

Michael Petzet, als Icomos-Präsident von 1999 bis 2008 stets in vorderster Linie des weltweiten Denkmalschutzes, stellte gestern auf der Berliner Museumsinsel – einer weiteren Welterbestätte der Unesco! – den Bamiyan-Report von Icomos vor, des „International Council on Monuments and Sites“, dessen Ratschlag maßgeblich ist für die Aufnahme in die Welterbeliste ist. Oder auch die Streichung daraus, wie Dresden mit dem mittleren Elbetal erfahren musste.

„Wir haben im Bamiyan-Tal keinerlei Probleme mit den Taliban“, berichtet Petzet – und lobt die „starke deutsche Tradition in der afghanischen Verwaltung“, die bis zu einer Bauleitplanung für das gesamte Oasen-Tal geführt hat. Ja, und da zudem der afghanische Steinmetz Mutjabah Mirzai an der Dombauhütte von Passau, also in Petzets bayerischer Heimat ausgebildet wurde, stellte sich das Bild eines regelrechten Idylls ein. Schon träumt man auf afghanischer Seite von Seidenstraßen-Tourismus, auch wenn der Flugplatz im Tal „nur eine Geröllpiste“ ist, wie der ungeachtet seiner 77 Jahre höchst agile Petzet bedauerte.

Bislang galt die Arbeit des Deutschen Nationalkomitees von Icomos der Sicherung der Denkmalsreste. Beim großen Buddha konnten die erhalten gebliebenen Füße aus Trümmern freigelegt werden. Insgesamt ist der gesamte Trümmerschutt von mehr als 2000 Kubikmetern Umfang gesichert; das stark salzhaltige Gestein würde ansonsten unter freiem Himmel unweigerlich zu Sand zerfallen. Die Nische des kleineren Buddhas ist vollständig gegen weiteres Abbrechen von Gestein gesichert, für die größere Nische wünscht sich Petzet die Umsetzung des beim kleineren Buddha verwendeten, von der Messerschmidt-Stiftung bereitgestellten und über 5000 Meter hohe Pässe transportierten Gerüstes.

Bislang hat das Auswärtige Amt die Arbeiten in Bamiyan mit rund einer Million Euro gefördert, davon im vergangenen Jahr 150 000 Euro. In diesem Jahr gibt es keine Zuwendung mehr. Ob da im Sinne der Nachhaltigkeit die richtige Entscheidung getroffen wurde, darf man bezweifeln – schon gar im Vergleich zum Kampfeinsatz der Bundeswehr.

Die Wiederrichtung der Buddha-Statuen kommt für Icomos nicht infrage. Getreu den Grundsätzen der denkmalpflegerischen „Charta von Venedig“ aus dem Jahr 1964 ist allein die Anastylosis zulässig, die Wiederaufrichtung steinerner Fragmente an ihrem ursprünglichen Platz. Die moderne Naturwissenschaft hat es möglich gemacht, den genauen Standort eines jeden Trümmerbrockens zu lokalisieren. Doch die aus dem Stein herausgemeißelten Buddhas lassen sich in ihrer Ganzheit nicht wiederherstellen, ihre Nischen bleiben notwendigerweise leer – und geben allein durch ihre Größe und künstliche Gestalt Zeugnis von der ungeheuren Leistung buddhistischer Mönche. Ihnen wird nach dem Bericht des chinesischen Mönchs Xuan Zang aus dem Jahr 630 auch die Schöpfung eines liegenden, 330 Meter langen Buddhas zugeschrieben, nach dem in den vergangenen Jahren ergebnislos gesucht worden ist. Allerdings ist Bamiyan im Jahr 1221 von den Mongolen unter Dschingis Khan verwüstet worden, und da muss wohl auch die Überlieferung der Felskolosse als Buddha-Statuen abgebrochen sein. Spätere Generationen der seit 977 endgültig islamisierten Talbewohner hatten keinerlei Bezug mehr zu der aus Indiens Osten gekommenen Religion. Westliche Forscher sprachen noch im späten 19. Jahrhundert von „Idolen“, ohne sie enträtseln zu können. Wie sehr sich nebenbei die Reisewege verändert hatten, macht der Bericht des chinesischen Mönchs anschaulich: Er kam aus Xian, der damaligen Hauptstadt Chinas, und war auf dem Weg nach Indien.

Wertvoll ist sein bald 1400 Jahre alter Bericht auch hinsichtlich der Farbigkeit der Statuen, haben sich doch zahlreiche Farbreste im Trümmerschutt gefunden. Dem Volksmund war der große Buddha bezeichnenderweise als „roter Buddha“ geläufig, obgleich sich schon vor fast vier Jahrzehnten, als der Autor dieser Zeilen zu den Statuen aufblickte, nur mehr das – in der Abendsonne rot aufstrahlende – Ockerbraun des Felsmassivs zeigte.

Michael Petzet versagte sich in Berlin jeglichen Appell an die Politik. Die Sache spricht jedoch für sich. Die Sisyphusarbeit in Afghanistan darf nicht aufgegeben werden. Nicht nur die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt, wie ein deutscher Verteidigungsminister einmal launig formulierte, sondern auch ein staunenswerter Teil des Weltkulturerbes.

Michael Petzet (Hrsg.), The Giant Buddhas of Bamiyan. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin, 280 S. m. zahlr. Abb., 19,80 €.

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