Kultur : Afghanistan: "Jeder muss wissen, worauf er sich einlässt"

Herr Bauer[die Taliban haben vier Deutsche Helfer]

Erhard Bauer (43) ist Programm-Koordinator der deutschen Welthungerhilfe in Afghanistan und lebt seit 1996 mit seiner Familie in Kabul.

Herr Bauer, die Taliban haben vier Deutsche Helfer der Organisation "Shelter Now International" verhaftet. Fühlen Sie sich noch sicher in Afghanistan?

Im Moment fühlen wir uns nicht bedroht. Den Verhafteten wird ja ein konkreter Vorwurf gemacht.

Glauben Sie denn, es trifft zu, dass die "Shelter"-Leute tatsächlich aktiv missioniert haben?

Es gibt darüber viele Gerüchte, die ich aus eigener Anschauung aber nicht bestätigen kann. Ich kenne die Verhafteten auch nicht persönlich. Klar ist aber, dass hier eine ganz bestimmte - christliche - Gruppe getroffen werden sollte. Organisationen wie wir, die sich nicht in einem solchen Umfeld bewegen, sind deshalb auch nicht akut gefährdet.

Was macht die Welthungerhilfe genau in Afghanistan?

Wir bauen unter anderem Bewässerungsanlagen und Brunnen, denn in Afghanistan herrscht seit drei Jahren Dürre. Die Folgen sind katastrophal, bis zu einer Million Menschen sind betroffen. Viele haben nichts mehr zu essen und auch kein Trinkwasser. Viele mussten ihre Dörfer verlassen. Wir versorgen die Menschen daher auch mit Lebensmitteln und errichten Notunterkünfte.

Haben Sie Probleme mit den Taliban?

Jeder, der hierher kommt, muss wissen, worauf er sich einlässt. Neue Kollegen werden genau über die Bedingungen hier aufgeklärt. Es sind ja nicht allein die Taliban, die ganze Kultur erfordert besondere Verhaltensweisen. Unser Team besteht aus fünf deutschen Männern und einer Frau. Unsere Kollegin darf seit zwei Monaten nicht mehr allein Auto fahren, sie muss stets ihre Arme bedecken und auch eine Kopfbedeckung tragen. Allerdings muss sie sich nicht so verhüllen wie afghanische Frauen.

Bei Ihrer Arbeit werden Sie nicht behindert?

Doch, wir haben regelmäßig Reibereien mit den Taliban. Sie versuchen immer wieder, Einfluss auf unsere Programme zu nehmen. So dürfen wir keine afghanischen Frauen mehr beschäftigen, und nur unsere deutsche Kollegin darf überhaupt mit Frauen in Kontakt treten. Auch über die Frage, wer Zugang zu den Hilfsgütern und Hilfsgeldern hat, wird gestritten, denn wie in vielen anderen Ländern gibt es auch hier Korruption. Wann immer man sich gegen solche Dinge stellt, besteht natürlich die Gefahr, dass einem falsche Absichten unterstellt werden, dass man die Religion und Kultur des Landes untergraben will. Dann kann es brenzlig werden.

Dennoch wollen Sie weitermachen?

Noch haben wir das Gefühl, hier arbeiten und auch etwas für die Menschen erreichen zu können.

Wie schätzen Sie die Situation der verhafteten Mitarbeiter von "Shelter Now International" ein?

Gefährlich ist es vor allem für die afghanischen Mitarbeiter der Organisation, die ja auch in Haft sind. Für die kann keine Botschaft etwas tun. Es kann passieren, dass die ausländischen Verhafteten in ein paar Wochen einfach abgeschoben und ihre afghanischen Kollegen einfach hingerichtet werden. Das sollten wir bei der Sorge um die verhafteten Deutschen nicht vergessen.

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