Kultur : Afghanistan: Keine Hoffnung im Augenblick

Ulrike Scheffer

In den pakistanischen Flüchtlingslagern wird sie sichtbar, die humanitäre Katastrophe Afghanistans. Eine Frau hält ihren kleinen Sohn im Arm. Der fünfjährige Junge hat das Gesicht eines alten Mannes, sein Körper jedoch ist nicht viel mehr als ein Knochengerippe. Zehn Kilogramm wiegt er noch. Die Ärzte machen der Mutter nicht viel Hoffnung, dass ihr völlig unterernährtes Kind überleben wird. Das Fernsehen überträgt ihr Elend in die ganze Welt, denn aus Pakistan berichten die internationalen Medien noch. In Afghanistan selbst leiden die Menschen unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Alle ausländischen Helfer mussten das Land nach dem 11. September verlassen. Die einheimischen Mitarbeiter der humanitären Organisationen können allein kaum etwas für die Hungernden tun. Oft ist der Kontakt zu den Organisationen unterbrochen oder wird von den Taliban nicht erlaubt.

Taliban konfiszieren UN-Fahrzeuge

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat seine Lebensmittellieferungen inzwischen wieder aufgenommen - statt wie früher 5000 Tonnen wöchentlich erreichten in dieser Woche jedoch erst einige hundert Tonnen Weizen die afghanische Hauptstadt. Eine Sprecherin des Programms in Rom sagte am Donnerstag, insgesamt würden mehr als 50 000 Tonnen Lebensmittel zur Versorgung der afghanischen Bevölkerung gebraucht. Das Koordinierungsbüro für humanitäre Hilfe in Genf meldete ebenfalls am Donnerstag, die Taliban hätten in Kandahar Fahrzeuge des Welternährungsprogramms konfisziert.

Auch Oxfam International versucht mit Hilfe einheimischer Mitarbeiter, Lebensmittel in das Krisenland zu bringen. "Wir können nicht genau kontrollieren, ob die Transporte die Bevölkerung wirklich erreichen oder ein Teil in die Hände der Taliban fällt, angesichts der Situation müssen wir dieses Risiko aber eingehen", sagte Oxfam-Sprecher Alex Renton aus Islamabad dem Tagesspiegel. Es gebe nur ein "sehr kleines Fenster", um die Menschen in den abgelegenen Regionen Afghanistans, etwa im zentralen Hochland, noch vor dem Winter mit Lebensmitteln zu versorgen, sagte Renton, der deshalb zur Eile drängt. Er weist aber auch darauf hin, dass die aktuellen Ereignisse nicht allein für die Tragödie verantwortlich sind. Bürgerkrieg und Armut haben die Lebenserwartung der Bevölkerung auf 44 Jahre gedrückt, wie Oxfam in seinem neuesten Lagebericht schreibt. Zwei Drittel aller Afghanen haben danach keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Die Kindersterblichkeitsrate liegt bei 25 Prozent. Nach drei Jahren Dürre konnten die Bauern kaum noch etwas ernten, am Ende hatten sie nicht einmal mehr Saatgut. Hunderttausende verließen ihre Dörfer und suchten Schutz in Lagern internationaler Organisationen im In- und Ausland.

Wer blieb, konnte sich meist mit Geld von Verwandten aus dem Ausland über Wasser halten, wie Thomas Ruttig von der UN-Sondermission für Afghanistan berichtet. "Auf den Märkten gab es genug Lebensmittel zu kaufen. Wer über Geld verfügte, konnte seine Familie daher noch versorgen", sagte Ruttig dem Tagesspiegel. Bis September erreichten Überweisungen aus Europa, den USA oder Kanada ihr Ziel in Afghanistan, obwohl es dort längst kein funktionierendes Bankensystem mehr gab. "Die Angehörigen schickten die Hilfe an Banken in Pakistan, wo das Geld von ambulanten Geldwechslern übernommen wurde. Die brachten es nach Afghanistan und zahlten es auf den lokalen Märkten an die Empfänger aus", erklärte Ruttig.

Malaria-Epidemie droht

Doch nach den Anschlägen in den USA wurde die afghanisch-pakistanische Grenze geschlossen, und die Unterstützung versiegte ebenso wie die Lebensmittellieferungen ausländischer Organisationen. Seither hat sich Situation dramatisch verschlechtert. Mediziner warnten vor dem Ausbruch einer Malaria-Epidemie und dem hoch gefährlichen Krim-Kongo-Fieber.

Ein Caritas-Bericht über das Jalozai-Camp in Pakistan verdeutlicht, unter welch unwürdigen Bedingungen auch die Menschen in den Flüchtlingslagern leben müssen: "Manche der 80 000 Flüchtlinge in dem Camp haben Zelte, andere nur eine Plastikplane, unter der sie schlafen können. Es fehlt an Lebensmitteln sowie Medikamenten, und nur vier Ärzte sind im Einsatz." Die Menschen dort werden aber zumindest mit dem Nötigsten versorgt, während die nunmehr zwei Millionen Flüchtlinge in Afghanistan auf sich allein gestellt sind. Da Pakistan seine Grenzen offiziell geschlossen hat, erreichten bisher nur mehrere zenhntausend Menschen das Nachbarland. Tausende sitzen im afghanischen Grenzgebiet fest, manche kehren ohne Hoffnung in ihre Heimatdörfer zurück.

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