Kultur : Afghanistan: Köpfe und Karrieren

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Fast hätten die USA ihren eigenen Wunschkandidaten für das Amt des Premiers höchstselbst ins Jenseits befördert: Hamid Karsai, der just, als ihn die Afghanistan-Konferenz zum Chef der Übergangsregierung kürte, das Hauptquartier der Taliban bei Kandahar angriff und dabei Opfer eines Präzisionsschlags der US-Airforce wurde. Allerdings kam der Paschtunenführer mit leichten Verletzungen davon. Widerstand gegen die Taliban ist für den 46-Jährigen, der Vize-Außenminister der Mudschahidin-Regierung von Präsident Rabbani war, seit langem Lebensinhalt. Nicht zuletzt, weil Karsais Vater von den Taliban ermordet wurde. Karsai gilt als Technokrat und ist schon deshalb über jeden Verdacht auf religiösen Extremismus erhaben.

Außenminister Abdullah Abdullah, Innenminister Junis Kanuni und Verteidigungsminsiter Mohammed Fahim setzten, als Altpräsident Rabbani die Bonner Konferenz mit immer neuem Sperrfeuer gegen eine Koalitionsregierung nervte, einfach ihre eigenen Namen auf die Kabinettsliste. Alle drei sind Mitte 40, westlich orientiert und redegewandt. Abdullah, ein promovierter Arzt, leitete bis 1984 die Augenklinik in Kabul und schloss sich dann den Mudschahidin an. Nach dem Sturz von Moskaus Marionette Nadschibullah 1992 wurde er Vizeaußenminister. Der Theologe Kanuni war Student Rabbanis, der ihn im Kampf gegen die Sowjets zum Verantwortlichen für die politisch-ideologische Ausbildung der Mudschahidin und später zum stellvertretenden Verteidigungsminister machte. In Rabbanis Exilregierung wurde er 1996 Innenminister. Fahim, der den ermordeten Massud als militärischen Führer der Nordallianz beerbte und ihm nach Beginn des US-Luftkriegs auch als Verteidigungsminister in der Exilregierung nachfolgte, hat in Kabul islamisches Recht studiert. Fahim werden exzellente Kontakte zu russischen Generälen nachgesagt. Vor allem ihn sieht Moskau als Garanten für die Loyalität des künftigen Afghanistan.

Sima Samar ist inzwischen nicht nur in ihrer Heimat bekannt. Sie ist eine der beiden Frauen, die ab heute in der 30-köpfigen afghanischen Regierung Sitz und Stimme haben. An die 44-Jährige soll neben ihrem Amt als Frauenministerin auch einer der zwei Stellvertreterposten von Regierungschef Karsai gehen. Sahar empfiehlt sich dafür gleich aus mehreren Gründen: Als Frau, Mutter und als Angehörige des Hazará-Volkes, einer Minderheit, die im zentralen Bergland lebt und ethnisch und religiös verfolgt wurde, blieb sie beim Machtpoker stets außen vor. Dazu kommt, dass die Kinderärztin im "internationalen Netzwerk Frauen unter islamischem Recht" mitarbeitet, das bei den UN hohe Anerkennung genießt und sich für ein Verbot der Polygamie sowie der Verheiratung von Mädchen unter 14 Jahren engagiert.

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