Kultur : Afghanistan: Über alle Berge

Ashwin Raman / Armin Lehmann

Aus Afghanistan gibt es derzeit viele grausame Geschichten zu erzählen. Manche sind leider wahr, manche hören sich an wie Märchen, böse Märchen, und tatsächlich weiß niemand so genau, welche Informationen davon mit der Realität übereinstimmen. Zum Beispiel diese Meldung: Ein Gedicht wurde gefunden, in der Nähe der Festung Tora Bora. Das Gedicht geht so: "In den Bergen sind die Kämpfer Allahs. Die Tage sind dunkel, die Nächte trostlos, und wir müssen sterben. Aber wir, die gegen die Ungläubigen kämpfen, werden im Paradies zusammenkommen."

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Aber wird tatsächlich noch gekämpft, dort oben in dieser unwirklichen Landschaft auf 4000 Meter Höhe, bei strengen Minusgraden und Schneefällen? Die Meldungen sind widersprüchlich. Manche Agentur schreibt, die Anti-Taliban-Kämpfer hätten die Festung bereits eingenommen, und dabei hätten sie überrascht feststellen müssen, dass die Al-Qaida-Leute verschwunden seien.

Eine andere Information lautet ganz anders: Der örtliche Kommandeur Hadschi Mohammad Saman soll gesagt haben: "Er ist hier" und damit Osama bin Laden gemeint haben, der sich in dem Berggebiet nahe der Stadt Dschalalabad versteckt halte.

Nach Angaben des pakistanischen Geheimdienstes konnten auch Funksprüche zwischen den Taliban-Kämpfern abgehört werden. Ein arabischer Kämpfer der Taliban soll einem anderen Soldaten mitgeteilt haben: "O.k., jetzt kannst Du rauskommen und schießen, die Flugzeuge sind weg." Ein Nordallianz-General soll dazwischen gefunkt und gefragt haben, ob es etwas Neues über bin Laden gebe. Antwort: Schweigen.

In den letzten Tagen sollen die USA bei ihren Bombardements auch zivile Ziele getroffen haben. Richard Lloyd Parry schreibt in der britischen Zeitung "Independent", dass die Amerikaner schlicht die falschen Ziele getroffen hätten und bei ihren Angriffen aus der Luft auch Hunderte von Zivilisten ums Leben gekommen sein sollen. Vorstellbar ist das, schließlich haben die Bomben eine enorme Wucht. Das Pentagon hatte schon vor einigen Tagen bestätigt, dass "wir 250-, 500- und 1000-Kilo-Bomben haben, die ganz präzise in die Eingänge dieser Höhlen gelenkt werden".

Wenn die Technik versagt

US-Elitesoldaten sollten die genauen Ziele ausfindig machen und dem Kommandostab präzise Informationen übermitteln. In den vergangenen Tagen hatte die US-Armee erstmals sogar eine 1,5-Tonnen-Bombe eingesetzt. Die von den USA und Israel entwickelten AGM-142-Bomben, "Have Nap", können aus 80 Kilometern Entfernung abgefeuert werden und suchen sich dann mit einer eingebauten Kamera auch in Gebirgsregionen an Hindernissen vorbei selbstständig ihr Ziel. Doch anscheinend hat die Technik nicht funktioniert.

Eines nur kann mit Sicherheit gesagt werden: Niemand weiß, was mit Osama bin Laden ist, wo er steckt - der Hauptverantwortliche für die Anschläge in Washington und New York vom 11. September. Nach Informationen des pakistanischen Geheimdienstes soll bin Laden seine verbliebenen, vor allem tschetschenischen Soldaten aufgefordert haben, bis zum Schluss zu kämpfen. Er soll zudem befohlen haben, dass "die Kinder in den Höhlen bleiben, dass die Frauen aber Gewehre bekommen, um gegen die Ungläubigen zu kämpfen". Er selbst aber und seine engste Leibgarde könnten, auch das ist eine These, womöglich längst in Pakistan sein oder sogar in der Kaschmir-Region, wie eine indische Zeitung vermutet.

Kinder auf Fahrrädern

Der Sprecher der Nordallianz, Mohammed Habeel, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Allianz habe nahezu die ganze Region und deren wichtigste Höhlen erobert. Einige Araber, darunter auch Frauen und Kinder, seien gefangen genommen worden. Dies deckt sich mit den Berichten von Richard Lloyd Parry, der für den Independent aus Tora Bora berichtet. Er hatte geschrieben, dass Vertreter der Nordallianz davon gesprochen hätten, dass plötzlich Kinder auf Fahrrädern aufgetaucht seien, mittendrin einige Soldaten der Taliban, die zusammen geflüchtet seien.

Noch immer sind anscheinend Familien und Einwohner des gleichnamigen Dorfes Tora Bora in der Gegend. Andere Quellen berichten davon, dass es gerade diese Dorfbewohner waren, die in den letzten Tagen, Wochen und Monaten die Festung für die Al-Qaida-Leute ausgebaut und zum Beispiel Löcher gebohrt hätten, aus denen die Taliban dann geschossen haben. Zudem sollen die geheimen unterirdischen Wege nach Pakistan ausgebaut worden sein. Und natürlich auch die Festung selbst.

Ein Taliban-Deserteur hat sie als riesiges Hotel beschrieben, das sich mehr als 300 Meter in den Untergrund gräbt, beheizt und mit Strom versorgt durch Wasserkraft aus den Bergen. Er berichtete auch von frisch zementierten und spartanisch eingerichteten Zimmern, die Platz für mindestens 1000 Kämpfer bieten.

Die Region um Tora Bora herum ist kaum befahren, meist führen nur Eselspfade in die Berge. Die vielen Höhleneingänge sind nur mit sehr genauen Satellitenaufnahmen zu erkennen. Davon haben die USA zwar nach dem 11. September weltweit alle aufgekauft, dennoch dürften noch genügend Fluchttunnel unentdeckt sein. Deshalb schließt selbst das US-Militär nach CNN-Angaben nicht mehr aus, dass bin Laden nicht mehr in Afghanistan ist. US-Geheimdienste suchten ihn auch in anderen Ländern, etwa in Somalia, aber auch in Asien und Europa.

Dazu würde auch die Aussage eines anderen Offiziers der Nordallianz passen. Rooh Ullah sagte, dass es seiner Truppe nur gelungen sei, einen Teil des Tales nach Pakistan zu blockieren. "Es gibt immer noch genügend Wege nach Pakistan, die man durch einen 24-stündigen Marsch erreichen kann." Er vermute auch, dass viele der Al-Qaida-Kämpfer diesen Marsch bereits unternommen haben. In Pakistan gebe es ja "genügend Leute, die die Taliban empfangen oder schützen".

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