Kultur : Afghanistan: Washington und London haben Pläne für Afghanistan - alte

Matthias Thibaut

Großbritanniens Außenminister Jack Straw betonte bei seinem Besuch in Teheran nicht nur die Brutalität und Rechtlosigkeit des Taliban-Regimes. Er sprach auch von der konstruktiven Rolle, die der Iran als Nachbar bei der Zukunft Afghanistans spielen könne. Ziel dieses ersten Besuchs eines britischen Außenministers im Iran seit der Revolution vor über 20 Jahren war nicht nur, den Iran politisch in die Anti-Terror-Allianz einzubinden. Es ging dabei auch um das Szenario für Afghanistan nach einem Gegenschlag.

Diplomaten und Politiker in den USA und Großbritannien haben wenig Zweifel, dass im Rahmen des geplanten Schlags gegen Osama bin Laden auch der Sturz der Taliban-Regierung wünschenswert wäre. Man sagt das in London nicht ganz so deutlich wie in Amerika. Aber doch deutlich genug. Großbritanniens Premier Blair drückte es gestern so aus: "Es wird einen militärischen Konflikt geben, wenn die Taliban ihren Kurs nicht ändern." Und ein Sprecher Blairs betonte, es sei schon immer ein Wunsch gewesen, dass Afghanistan eine demokratische Regierung habe.

Völkerrechtliche Absicherung

Nun wird viel darüber spekuliert, ob dieser Wunsch mit militärischer Macht Wirklichkeit werden soll. Die "Sunday Times" berichtete, britische SAS Kommandoeinheiten seien bereits in erste Scharmützel mit Talibankräften verwickelt gewesen. Londons Verteidigungsministerium nimmt zu solchen Berichten keine Stellung. Aber Militärexperten halten es für möglich, dass solche Vortrupps den ersten Angriff von Fallschirmjägern zur Bildung eines Brückenkopfes im Talibangebiet vorbereiten.

Man beruft sich nun auf die Resolution 1368 des UN-Sicherheitsrates vom 12. September. In ihr werden Aktionen gegen diejenigen sanktioniert, die Terroristen Zuflucht bieten. Das würde nach Londoner Auffassung einen Schlag gegen die Taliban Regierung völkerrechtlich absichern, solange diese bin Laden nicht ausliefern. Im Übrigen erinnern Washington und London daran, dass der Sicherheitsrat und die Nachbarn Afghanistans bereits 1993 den Wunsch protokolliert haben, in Kabul eine repräsentative, multiethnische Regierung mit einer breiten Basis am Ruder zu sehen. Dieser Wunsch, der nach britischer Auffassung von der großen Mehrheit der afghanischen Bevölkerung geteilt wird, soll nun in Erfüllung gehen. Und nicht nur Bomben sollen helfen. London hat seine Lebensmittelhilfe um 25 Millionen Pfund aufgestockt.

Wunsch nach Demokratie

Auf die Frage, ob Londons Wunsch nach Demokratie auch für Länder wie den Irak oder gar den Iran und Saudi Arabien gelte, gab der Sprecher Blairs keine Antwort. Überhaupt scheint in den Sternen zu stehen, wie sich der "Krieg gegen den Terror" nach dem ersten, auf Afghanistan konzentrierten Schritt weiterentwickeln soll. Doch für den Sturz der Taliban scheint man schon länger Pläne in den Schubladen zu haben. Der "Guardian" grub Einzelheiten über eine vom UN-Beauftragten für Afghanistan, Francesc Vendrell, einberufene Konferenz aus, auf der im Juli in Berlin über "offene amerikanische Aktionen" gegen die Taliban-Regierung diskutiert worden seien. Es war nicht mehr als ein diplomatisches Brainstorming. Doch Pakistan nahm den Wink ernst genug, um ihn den Taliban weiterzugeben.

Niemand weiß wohl besser als die Briten, wie schwierig es ist, in Afghanistan seinen Willen durchzusetzen. Dreimal in den letzten 150 Jahren versuchten sie, ihren Einfluss in Afghanistan auszuweiten und russischen Einfluss einzudämmen. Heute erinnern sich britische Diplomaten vor allem an die Misserfolge dieser Kampagnen. Der sowjetische Interessenverwalter, Najibullah, endete an einem Laternenpfahl in Kabul.

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