Kultur : Afrika! Afrika?

Warum André Hellers Show fasziniert – und was ihr dennoch fehlt

Gunter Péus

André Hellers exotische Zeltschau setzt derzeit vor den Toren des Berliner Hauptbahnhofs einen sommerlichen Glanzpunkt. Vor allem ist da die heitere Leichtigkeit, mit der die Mitwirkenden Höchstleistungen erbringen, unterstützt vom Leuchtfeuer der Großprojektionen und von den Afro-Rhythmen des temperamentvollen Orchesters. Das Publikum schaut atemlos zu und fordert nach zwei Stunden Zugaben mit Beifall im Takt.

Aber wo findet sich unter dem Wirbel tatsächlich Afrika, das eigenständige, gegenwärtige, ursprüngliche Afrika? Okay, da kommt als Konserve vom Band der melancholische Gesang des weltweit geschätzten Senegalesen Youssou N’Dour. Da tanzen als Bergleute der südafrikanischen Goldminen verkleidete junge Männer in Gummistiefeln die Schuhplattler- und Stepformationen, wie sie tatsächlich in den Quartieren der schwarzen Kumpels aufgeführt werden. Und da erscheint ein echter Griot, der Geschichtenerzähler der westafrikanischen Märkte mit seiner Cora, der indigenen Laute, der seinen Zuhörern die ewig wahren Storys von Liebe und Leid überliefert. Und da zeigt sich überzeugend die Fröhlichkeit, die den Afrikanern eigen ist und die sie auch unter ärmlichen Verhältnissen, wie man sie in den Flüchtlingslagern während so manchen Bürgerkrieges erleben kann, nicht verlässt. Hier, mit unbändiger Energie gepaart, bringt sie in die artistische Höchstleistung das afrikanische Element hinein.

Aber, und dieses Aber sei erlaubt, all die akrobatischen Darbietungen, die frappierenden Saltofiguren wie auch die Choreografie der Gruppen, haben wenig afrikanischen Ursprung. Die Mitwirkenden haben die Übungen aus China, wo Akrobatik eine lange Tradition hat, übernommen und dort trainiert. Vor wenigen Tagen war im Fernsehen die Truppe Super Mango aus Kenia aus dem italienischen Zirkus Massimo, zu sehen; von ihr weiß man, dass sie ihre Fähigkeiten in China erworben hat. An Kenias Strand kann man die Jungen beobachten, wie sie den Könnern nacheifern und ausdauernd trainieren, in der Hoffnung, von den Hotels Aufträge zu ergattern. Solche Auftritte zum Barbecue-Dinner bleiben kaum einem Kenia-Besucher erspart.

Für die Show hat André Heller Spitzenleute aus Afrika engagiert oder, wie im Fall der französischen Breakdancer, afrikastämmige Ausländer. Überzeugend auch die robbenden Limbo-Tänzer, doch diese Form der Unterhaltung kommt aus der Karibik. Zwar ist die Dominanz des Tanzes in Afrika eindrucksvoll hervorgehoben: Der aus der Elfenbeinküste stammende, in Paris lebende Choreograf Georges Momboye absolviert das wirbelnde große Opening – doch hier sind die Tänzer und Tänzerinnen aus vier verschiedenen Ländern vereint. Wo also findet sich die autochthone afrikanische Kultur? So mancher Stammestanz traditioneller Überlieferung könnte doch auch ein Highlight von „Afrika! Afrika!“ sein. Ein typischer Tanz der von Ocker bedeckten Massai-Krieger, ihre von Urgemurmel im Basston begleiteten Hochhüpf-Leistungen bräuchten nicht einmal „veredelt“ zu werden. Auch nicht die magisch wirkende Gesichts- und Körperbemalung von Feste feiernden Männern aus Mali, wie sie zwar auf Fotos im Begleitbuch, nicht aber in der Schau zu finden sind.

Afrikaner lieben es zu singen, in allen Lebenslagen. Selbst in Notaufnahmelagern finden sie sich singend zusammen – eine Lebensmut-Therapie. Unter friedlichen Umständen kann man überall in Schulen und Kirchen großartige Chöre erleben, der in Amerika zur Hochblüte gelangte Gospelgesang ist daraus hervorgegangen. Das gilt auch für die vielen Popgruppen mit ihren selbstverfassten Melodien und Texten, angeregt vom städtischen Alltagsgeschehen, mit durchaus politisch-kritischen Untertönen oder auch Lobpreisungen auf den jeweiligen Herrscher oder Parteiführer. Sie treten regelmäßig in den regionalen Fernsehsendern auf, Talente sind hier leicht zu entdecken.

Es wäre also nicht abwegig, die afrikanische Wirklichkeit jenseits von jeglicher Exotik künstlerisch zu verarbeiten, auch dort, wo sie Not bedeutet. Die Afrikaner machen es vor: In vielen Ländern gibt es hervorragendes Straßentheater, das die Aids-Gefahr in pädagogisch motivierten Sketchen dramatisiert. „Afrika! Afrika!“ könnte sich auch mit der Schönheit und Kreativität der afrikanischen Frauen schmücken, auch wenn die meisten von ihnen schwerer arbeiten als ihre Männer. Auf Modeschauen von Johannesburg, Lagos, Dakar, Nairobi und Addis Abeba sind sie zu entdecken und zu bewundern.

Die Show, und das ist wunderbar, macht Afrika wieder zu einem großen Thema, sie hilft mit, das andere Afrika lieben zu lernen. Dafür gebührt André Heller Dank.

Der Autor war langjähriger Afrika-Korrespondent des ZDF in Nairobi.

0 Kommentare

Neuester Kommentar