Kultur : Afrika und Aids: Die Hoffnung lebt

Maren Peters,Wolfgang Drechsler

Zackie Achmat hält seinen Jubel kaum zurück: "Das ist ein wirklicher Triumph Davids über Goliath", sagt der Sprecher der führenden südafrikanischen Aidshilfeorganisation, Treatment Action Campaign. Im Streit um billige Aids-Medikamente in Südafrika hatte die mächtige internationale Pharmaindustrie am Donnerstag völlig überraschend nachgegeben und ihre Klage gegen den Staat Südafrika zurückgezogen. Der Streit, den die Konzerne im März vom Zaun gebrochen hatten, wurde durch eine außergerichtliche Einigung beigelegt. Damit erhalten 4,7 Millionen Aids-Kranke am Kap die Hoffnung auf Zugang zu preiswerten Medikamenten. "Unsere wesentlichen Forderungen sind erfüllt, die südafrikanische Regierung erkennt unser Patentrecht an", sagte Hartmut Vennen, Sprecher des deutschen Pharmakonzerns Merck, der die Klage von 39 Pharmakonzernen mitgetragen hatte. "Den Druck der Ereignisse hätte keine Seite lange durchgehalten." Aids-Aktivisten hatten der Industrie zuvor Profitgier auf Kosten der Aids-Patienten vorgeworfen.

Gesetz kann in Kraft treten

Die Wende, die noch zwei Tage zuvor niemand für möglich gehalten hätte, kam letztlich durch Vermittlung des UN-Generalsekretärs Kofi Annan zustande. "Vor 14 Tagen haben wir uns erstmals zusammengesetzt", sagte Rolf Krebs, Sprecher der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim, einem der größten Hersteller von Aids-Mitteln weltweit. "Das hat den Dialog mit der Regierung in Gang gesetzt." Die südafrikanische Regierung habe jetzt ausdrücklich ihre Bereitschaft bekräftigt, das internationale Patentschutzabkommen der Welthandelsorganisation namens Trips zu respektieren. Mit der Einigung, die jetzt erzielt wurde, können beide Seiten gut leben: "Es gibt nur Gewinner", sagte Krebs. Dabei geht es weniger um Geld - mit Aids-Medikamenten verdient die Industrie in Südafrika nur wenig - als um den Mustercharakter der Entscheidung. Die Hersteller hatten Angst, dass nach Südafrika auch Länder wie Indien oder Brasilien ihre Patentrechte aushöhlen könnten. Diese Sorge ist jetzt ausgeräumt.

Dabei hatte es lange Zeit nicht nach einer Einigung ausgesehen. Der Streit war über ein südafrikanisches Gesetz aus dem Jahr 1997 entbrannt, das mittellosen Patienten Zugang zu preisgünstigsten Medikamenten verschaffen soll. Das Gesetz erlaubt Import und Herstellung so genannter Nachahmerpräparate (Generika). Die Pharmafirmen, die inzwischen angeboten haben, die Originale in Südafrika um bis zu 90 Prozent billiger zu verkaufen als in Europa, sehen darin eine Verletzung ihrer weltweit geltender Patentrechte. "Ohne Patentschutz gibt es keine Forschung", begründete Cornelia Yzer, Geschäftsführerin des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA). Die Konzerne reichten schließlich Klage ein. Am 5. März wurde der Prozess vor dem Landgericht in Pretoria eröffnet.

Die jetzt erzielte außergerichtliche Einigung verändert nach Ansicht der Organisation Ärzte ohne Grenzen das Machtverhältnis zwischen Entwicklungsländern und Pharma-Industrie. Es sei eine klare Botschaft an die afrikanischen Regierungschefs, die sich nächste Woche in Nigeria treffen, um über HIV und andere Krankheiten zu diskutieren, dass Menschenleben wichtiger sind als Patente. Denn obwohl die Aids-Infektionen am Kap seit Jahren dramatisch eskalieren und es bereits jetzt fast 450 000 Aids-Waisen gibt, hat Südafrikas Regierung bislang wenig gegen die Epidemie unternommen. Die Folgen werden immer deutlicher: In keinem anderen Land der Welt gibt es heute mehr Aidsfälle als am Kap. Die gerade vorgelegten Zahlen des Gesundheitsministeriums sprechen eine deutliche Sprache: Jeder neunte Südafrikaner ist demnach inzwischen HIV-positiv. Tag für Tag kommen 1700 Neuansteckungen hinzu.

Südafrikas Gesundheitssystem kann diese Epidemie allein nicht bewältigen. Gegenwärtig kostet die Behandlung eines HIV-Kranken Tausende von Dollar im Jahr. Die hochkomplexen Pillencocktails können das Leben um Jahre verlängern. Doch wegen der hohen Zahl der Erkrankungen, der Kosten und der fehlenden Infrastruktur ist die Ausgabe dieser Medikamente an jeden Aids-Infizierten in Südafrika völlig illusorisch.

Präsident Mbeki lenkt ab

Südafrika ist nicht die einzige Nation, die unter einer Aids-Epidemie leidet, doch ist es das einzige stärker industrialisierte Land, mit einer solch hohe Zahl von Aids-Fällen. Nicht ohne Grund machen die Pharmafirmen angesichts der erschreckend hohen Zahl aber darauf aufmerksam, dass ihre Medikamente den Ausbruch von Aids nur hinauszögern, die Immunschwächekrankheit aber nicht heilen können. Das einzig wirksame Mittel ist es, sich nicht anzustecken. Die Mittel dafür sind hinlänglich bekannt: Kondome und Partnertreue. Doch dazu bedarf es vor allem staatlicher Aufklärung.

Von dieser simplen Tatsache hat Südafrikas Präsident Thabo Mbeki in der Vergangenheit stets abgelenkt. Er stellte die Form der Krankheitsübertragung und den kausalen Zusammenhang zwischen HIV und Aids - allen wissenschaftlichen Beweisen zum Trotz - in Frage. Und auch die Gesundheitsministerin weigerte sich bis vor kurzem, HIV-infizierte Mütter mit dem erprobten Anti-Aids-Mittel AZT zu behandeln, mit dem das Ansteckungsrisiko bei Neugeborenen drastisch reduziert werden kann.

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