Kultur : Afroamerikanisch: All That Jazz

Zu sehen in 3 SAT am Samstag ab 1.55 Uhr.

Martin Luther King hatte Joachim-Ernst Berendt 1964 zur Eröffnung der ersten Berliner Jazztage eine emphatische Grußadresse geschickt, in der er von der großen Bedeutung des Jazz für den Befreiungskampf des afroamerikanischen Volkes sprach. Im Hause King gab es zwar vor allem klassische Musik und Spirituals, aber auch eine Jazzplatte mit Max Roach und sogar etwas Blues. Seine Tochter, Yolanda King, erinnert daran, dass Jazz und Blues ja nun nicht gerade die Musik sei, die zu Kirchenleuten passe. Die Platte von Bessie Smith aber müsse kein anderer als er ins Haus gebracht haben - "gewiss nicht meine Mutter". In ihrem autobiografischem Buch "Meine schwarze Seele" erinnert sich Nina Simone an den 4. April 1968, der Tag, an dem Dr. Martin Luther King Jr. durch ein Attentat getötet wurde. Sie gab kurz darauf ein Konzert, das ursprünglich in Ausschnitten auf der LP "Nuff Said!" erschien. Ihre aufwühlende Version von "Mississippi Goddam" blieb jedoch fast dreißig Jahre im Archiv, bis sie in der vollständigen Fassung als Teil der "Dr. Martin Luther King Jr. Suite" auf der CD "Saga of the Good Life and Hard Times" veröffentlicht wurde. "Why (The King Of Love Is Dead)" dokumentiert hier in seltener Offenheit den Ausdruck von Wut, Kraft und Selbstzweifel, nachdem der Traum von einer friedlichen, gewaltlosen Gesellschaftsveränderung zugunsten des schwarzen Amerika ausgeträumt war.

"Happy Birthday", der große Stevie-Wonder-Hit, war einst die offizielle Hymne einer dreijährigen Kampagne, die mit Kings Namen verbunden - und schließlich von Erfolg gekrönt war. Am 2. November 1983 war es dann so weit. Der amerikanische Kongress beschloss nach jahrelangem Hin und Her, dass es einen neuen nationalen Feiertag geben wird, Dr. Martin Luther King jr. zu Ehren. Jeweils am dritten Montag des neuen Jahres sollen die staatlichen Angestellten arbeitsfrei haben. Der erste Dr.-Martin-Luther-King-Jr.-Holiday fand 1986 statt, morgen jährt sich dieser nationale Ferientag also schon zum 16. Mal. Die Debatten im Vorfeld hatten etwas typisch Amerikanisches. Millionenkosten für Lohnfortzahlung und Feiertagszuschläge wollte man vermeiden, vielleicht lieber Abraham Lincoln oder John F. Kennedy ehren - oder eben aber die historische Bürde der Rassendiskriminierung und Sklaverei etwas mildern.

Martin Luther King und Malcolm X waren - außermusikalisch gesehen - die wahren Helden des Sechziger-Jahre-Jazz, so durchdrungen sind vor allem die schwarzen Musiker jener Jahre vom politischen Wirken der beiden Afroamerikaner gewesen. Für seinen hagiographischen Monumentalfilm "Malcolm X", den das WRD-Fernsehen heute ab 0.45 Uhr zeigt, hatte Spike Lee Anfang der neunziger Jahre den neotraditionalistischen Jazzmusiker Terence Blanchard engagiert, und die Mütze mit dem X galt in jenen Tagen als hip.

Was von der Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte des schwarzen Amerikas einstweilen blieb, sind zahlreiche Bemühungen, die Tradition zu erforschen und zu bewahren. Und das muss nicht zwangsläufig nur nach afroamerikanischer Kirche und Küche klingen. Dazu gehört auch, wie die Geigerin Regina Carter mit den Schätzen ihrer Heimatstadt Motown umgeht.

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