Afshin Ghaffarian und sein Drama "Wüstentänzer" : Mein doppeltes Leben

Ist der iranische Tänzer Afshin Ghaffarian, Held des Kinodramas „Wüstentänzer“, ein politischer Flüchtling? Und beruht der Film auf seiner Biografie? Der Verleih präsentiert ihn so. Er selber aber sieht seine Geschichte plötzlich ganz anders.

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Schleierhaft: Tanz in der iranischen Wüste.
Schleierhaft: Tanz in der iranischen Wüste.Foto: dpa

Wir im freien Westen lassen uns ja gerne fesseln. Von den Geschichten derer, die in Unfreiheit leben. Ja, es ist das höchste Lob für die Geschichten der Unterdrückten, für die in Freiheit „fesselnd“ zu sein.

Der Mann, der als „wahrer Kern“ des Films „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ vom Senator Filmverleih gerade aus Paris eingeflogen wurde, trägt einen schnittigen Anzug und ein elegantes Hemd. Keine Frage, sein neues Leben steht ihm  gut. Der Film erzählt Afshin Ghaffarians Traum, Tänzer zu werden. Der heute 28-jährige Iraner bringt sich in Teheran per You-Tube-Videos Tanzbewegungen von Michael Jackson bis Pina Bausch bei, obwohl Tanz im Iran verboten ist. Er gründet mit Freunden eine Truppe, die heimlich im Keller probt. Um unbeobachtet von den Sittenwächtern ein Stück aufzuführen, fährt man samt Publikum in die Wüste. Bei den Demonstrationen der Grünen Opposition 2009 wird Ghaffarian verhaftet und geschlagen. Als der Student bald darauf mit einer Künstlergruppe nach Europa eingeladen wird, sieht er die Gelegenheit zur Flucht gekommen und outet sich auf der Bühne als Flüchtling. Reece Ritchie spielt den Tänzer, Freida Pinto, der Star aus „Slumdog Millionaire“, dessen Partnerin.

Aber was nun in Berlin mit dem „wahren Kern“ passiert, ist im Drehbuch der Pressegespräche nicht vorgesehen. Während der 25 Minuten Gespräch wandelt sich der politische Flüchtling zu einem vermeintlichen Touristen. Seine Geschichte klingt nun ganz anders, maximal harmlos.

Tanzen ist im Iran gar nicht verboten

Tanz im Iran, sagt Ghaffarian, sei gar nicht verboten, jedenfalls gebe es dazu kein Gesetz. Das Problem sei, dass das Wort „Tanz“ – unabhängig vom aktuellen politischen Regime – seit Ewigkeiten Konnotationen von Anzüglichkeit, Körperlichkeit und Prostitution hervorrufe. Er habe deshalb nie Ärger gehabt. Er sei auch nicht geflüchtet, sondern habe sich während einer Europa-Reise einfach entschieden, nicht mehr in den Iran zurückzukehren. „Vor dem Hintergrund der politischen Unruhen 2009“. Er befinde sich quasi in der Fortsetzung einer Reise.

Zwar sei er auch auf Demonstrationen der Grünen Bewegung geraten, aber nur „so wie alle“. Gefilmt habe er dort nicht. Die Schläge mit dem Gummiknüppel, die er nach einer Festnahme erhalten hat, hätten sich nach fünf Jahren relativiert. Vor allem, als er gesehen habe, wie brutal die kanadische Polizei in Quebec 2012 gegen demonstrierende Studenten vorging.

Das klingt, als wolle er sagen: Das kommt doch in den besten Demokratien vor. Die Damen vom Filmverleih sind erschrocken. Sicher, der Film ist kein Dokumentarfilm, er dramatisiert, spitzt zu, verlegt Orte. Aber wenn es nun alles nicht so gewesen sein soll, warum hält Ghaffarian dann am Ende des Films sein Gesicht in die Kamera? Warum wird sein echter Name benutzt? Und warum fährt er als die „wahre Begebenheit“ durch die Lande?

Die Pressedamen sagen sinngemäß, so sehe Heimweh aus. Wahrscheinlich wolle er einfach wieder zurück. Wahr sei, was über seine Biografie im Presseheft steht.

Anruf beim Regisseur Richard Raymond in Südafrika. Merkwürdigkeiten hat auch er bemerkt. Ein Interview von CNN mit Ghaffarian, das kurz nach dessen Ankunft in Paris entstanden ist, sowie ein Film der echten Aufführung in der Wüste seien erst in den letzten Wochen aus dem Netz entfernt worden.

Ghaffarian sagt, er habe auch nicht bei Demonstrationen gefilmt...?

Wie bitte? Raymond, in Südafrika, lacht laut in den Hörer. Er habe acht Stunden Videomaterial auf Band, wo Ghaffarian seine Geschichte erzählt. Auf Basis dieses Bandes habe er seinen Film komponiert. Ghaffarian beschreibe darin, dass die Inspiration für seinen Tanz direkt von den Demonstrationsszenen rühre.

Er sei auch nie geflüchtet, sondern einfach in Europa „geblieben“...

Raymond stöhnt am anderen Ende der Leitung. Merkwürdig ist die Aussage ja schon deshalb, weil man davon ausgehen muss, dass der französische Staat seinen Asylstatus für politische Flüchtlinge nicht gerade an Durchreisende verteilt.

Und können Schläge aus der Distanz ihre Ungeheuerlichkeit verlieren?

„Wenigstens sagt er nicht, er sei gar nicht geschlagen worden.“

An dieser Stelle wird klar: Es geht jetzt nicht mehr nur um Ghaffarians sondern auch um Raymonds Leben. „Ich habe die letzten vier Jahre mit dieser Geschichte verbracht.“ Vier Jahre Lebenszeit.

"Wüstentänzer" erzählt von zwei Träumen

Man hat es nämlich beim „Wüstentänzer“, untertitelt als „Afshins verbotener Traum von Freiheit“, mit einem zweiten Traum zu tun: Raymonds Traum, Regisseur zu werden. Der heute 37-jährige Engländer hat sich mit 14 Jahren bei einem Schülerpraktikum jeden Tag von seinem Vater vor der Tür der Pinewood Studios absetzen lassen, obwohl er von denen gar keine Zusage hatte. Er marschierte hinein, grüßte den Pförtner und kam nach zwei Wochen mit einem Job wieder heraus. Er kehrte nie wieder an eine Schule zurück, begann zunächst als Produzent, und schaute, „um zu lernen, wie man Schauspieler führt“, dem Regisseur Philip Ridley über die Schulter. Als Raymond am Neujahrstag 2010 in der Londoner „Times“ einen Artikel über die Fluchtgeschichte des Tänzers Ghaffarian liest, sieht er den Stoff für sein Regiedebüt gekommen. Er sei sofort gefesselt gewesen. Er kontaktiert die Zeitung, fliegt nach Paris und braucht sechs Monate, um Ghaffarian zu überzeugen, „dass ich der Richtige bin, um seine Geschichte zu verfilmen.“