Kultur : Agrarpolitik: Fleischesfrust

Fatina Keilani,Margarita Chiari

Wegen ihrer Riesenbrüste kann die deutsche Mastpute kaum auf den Beinen stehen. Immer wieder fällt sie vornüber. Der Verbraucher will das magere, als gesund geltende Brustfilet, auch wenn die Pute mit Antibiotika vollgepumpt ist. Ihre Brüste sind größer und billiger als jene von Bio-Puten. Doch von solcher Massentierhaltung, von "Agrarfabriken", will die Bundesregierung jetzt weg. Das hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) angekündigt - ein harter Job für seine neue Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne).

Jahrelang waren die deutschen Bauern dazu aufgefordert, sich am Weltmarkt zu orientieren, und das hieß: Erträge maximieren. Turbogemästete, mit Chemie vollgepumpte Schweine waren schneller marktreif und außerdem billiger, also besser konkurrenzfähig. Nun soll es plötzlich auf den Schutz des Verbrauchers ankommen, der nach Schweinepest, Hormonkälbern und BSE-Rindern die Skandale satt hat und wissen möchte, was er noch essen kann.

Das bedeutet: Umkehr. Während die Bio-Bauern jubeln, protestiert die traditionelle Landwirtschaft. Das Geschrei der Funktionäre sei nicht sein Problem, wischte Schröder die Einwände beiseite. Doch ob er will oder nicht, kommen auf ihn und seine Landwirtschaftsministerin gewaltige Auseinandersetzungen zu. Eine mächtige Lobby macht sich bereit zum Gefecht: Der Deutsche Bauernverband (DBV) mit rund 530 000 Mitgliedern ist einer der politisch einflussreichsten nationalen Spitzenverbände. Hartnäckig kämpft er in Berlin und Brüssel für die Interessen seiner Klientel und verleiht seinen Forderungen notfalls mit Protestaktionen Nachdruck.

Nicht nur die Bauern, auch mit ihnen verflochtene Wirtschaftszweige werden von den Veränderungen getroffen. Zum Beispiel verteilen deutsche Bauern pro Jahr 30 000 Tonnen Spritzmittel im Wert von rund 1,6 Milliarden Mark auf den Feldern. Bio-Landwirte verwenden diese Mittel nicht. Je mehr Bauern auf Öko-Landbau umsteigen, desto mehr Einnahmen verlieren also die Düngemittelhersteller.

Ein anderes Beispiel: Tierfutter. Bauern kaufen für jährlich bis zu sechs Milliarden Mark Futter von der Agrarindustrie - etwa Tiermehl, das die BSE-Krise mit auslöste und deshalb jetzt verboten wurde, oder Soja. Auf ihren Feldern bauen sie Getreide an, das sie verkaufen. Bio-Bauern dagegen erzeugen auf ihren Feldern ihr eigenes Tierfutter. So zahlen sie der Industrie nichts und haben mehr Kontrolle. Zugleich sorgt die Pflanzfolge dafür, dass Pilze und Schädlinge sich nicht ausbreiten können. So werden auch keine Pestizide benötigt. Diese Methode führt allerdings zu geringeren Erträgen. Bio-Lebensmittel sind für den Verbraucher daher teurer.

"Die bisherige Agrarpolitik war nicht genug mit Agrarumweltpolitik verknüpft", sagt Thomas Dosch, Bundesvorstand des Bioland-Verbands. Finanzielle Förderung sei nicht von der Einhaltung bestimmter Umwelt-Auflagen abhängig gemacht worden.

Was gefördert wird und was nicht, hat direkte Auswirkungen. So wurde vor Jahren auf Druck des Bauernverbands beschlossen, den Anbau von Mais mit bis zu 800 Mark pro Hektar zu fördern. Das ging zu Lasten traditioneller Milchgebiete, die vor allem aus Weiden und Wiesen bestanden. Nun konnten plötzlich auch an Ackerstandorten günstig Milch und Fleisch erzeugt werden. Ein Viertel aller Wiesen und Weiden sind seither verschwunden.

Dass die Interessen der Verbraucher mit denen der Bauern identisch sind, wie Schröder meint, sehen die Bauern nicht. " Ihr Verband hält das Ganze für eine "irrwitzige Scheindebatte". Früher sei von Verbraucherschutz nicht die Rede gewesen, sagte DBV-Generalsekretär Helmut Born am Donnerstag. Nötig sei eine "Agrarpolitik, die vom Verbraucher honoriert wird". Das wirke sich auf die Kosten aus. "Wer erwartet, dass man permanent zu Billiger-Jakob-Preisen mit qualitativ guten Lebensmitteln versorgt wird, der macht die Rechnung ohne den Wirt."

In der Tat sind Lebensmittel in Relation zur allgemeinen Lebenshaltung immer billiger geworden. Die Deutschen geben auch nur noch zwölf Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Ernährung aus. Diese Zahl ist kontinuierlich gesunken. 1950 lag der Anteil noch bei 43 Prozent.

Jetzt soll alles anders werden. Der Ökolandbau soll in den Mittelpunkt rücken, Verbraucher- und Umweltschutzaspekte stärker als bisher berücksichtigt werden. Das haben zwei Staatssekretäre aus dem Landwirtschafts- und dem Umweltministerium, Martin Wille (SPD) und Rainer Baake (Grüne), in einem Sieben-Punkte-Programm vorgeschlagen. Allein 500 Millionen Mark sollen danach in den kommenden drei Jahren in die Förderung des Anbaus und der Vermarktung ökologischer Erzeugnisse fließen. Bis 2010, so das Ziel, soll die Ökolandwirtschaft einen Anteil von 20 Prozent in Deutschland erreichen - heute sind es gerade einmal 2,5 Prozent. Andere Länder sind ohnehin schon weiter: In Österreich und Dänemark liegt der Anteil der Ökolandwirtschaft bei zehn Prozent, in Italien bei sieben Prozent.

Doch auch konventionelle Betriebe müssen umdenken. Subventionen sollen ab 2003 an konkrete Umweltauflagen geknüpft werden, Prämien möglichst auf bestimmte Obergrenzen beim Tierbestand beschränkt werden. Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, müsse es zudem klare Kennzeichnungspflichten geben, die "eine lückenlose Kennzeichnung vom Stall oder Acker bis zur Ladentheke garantieren".

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