Kultur : Agrarpolitik: Und den Kühen geht es gut

Claus-Dieter Steyer

Demonstrativ nimmt der Landwirt Johannes Niedeggen seine zehn Wochen alte Tochter Maria auf den Arm und setzt sich mit ihr mitten in den Kuhstall. "Alles gesund", sagt der Chef von Gut Kerkow bei Angermünde, rund eine Autostunde nördlich Berlins. Das sei durchaus zweideutig zu verstehen. "Sowohl Maria als auch die Tiere sind wohlauf, also keine Spur von oder gar Angst vor BSE." Insgesamt 700 Rinder, 100 Schafe und 100 Schweine gehören heute zum Reich des 1993 aus Niedersachsen nach Brandenburg gezogenen Landwirts.

"Der Kanzler würde uns damit bestimmt zu seinen berüchtigten Agrarfabriken abstempeln", meint Niedeggen. "Aber die Größe eines Betriebes sagt doch noch gar nichts über die artgerechte Haltung der Tiere, die Produktionsmethoden oder die Qualität." Entscheidend sei allein, ob sich die Rinder oder Schweine wirklich wohl fühlten. Die Milchleistung pro Kuh sei dafür ein unbestechlicher Maßstab.

Den neuen Zuschnitt der Bundesregierung hält Johannes Niedeggen für eine "Überreaktion auf Druck der Medien". Da sei er sich mit vielen Berufskollegen einig. Regierung und Medien hätten die Landwirtschaft in der BSE-Hysterie "auf der ganzen Linie verleumdet". Vorsichtshalber klopft er sich allerdings drei Mal mit der Hand auf den Kopf. Brandenburg habe bisher noch keinen BSE-Fall. Er würde für seinen Berufsstand sogar die Hand ins Feuer legen. "Tiermehl als BSE-Überträger wird bei uns schon lange nicht mehr verfüttert", versichert der Landwirt. Große Betriebe in Ostdeutschland brauchten im Unterschied zum Westen gar nicht diese Zusätze. Sie hätten schließlich ausreichende Grün- und Ackerflächen.

Kritik an den Funktionären

Widersinnig sei allerdings das Tiermehl-Verbot für Schweine und Hühner. Wenn das Tiermehl wirklich von gesunden Rindern stamme, bestünde für die Allesfresser keine Gefahr. Jetzt seien jedoch viele Schweine- und Hühnerzüchter auf den Kauf von Soja angewiesen. Die USA beherrschten den Weltmarkt und bestimmten den Preis. Durch die starke Nachfrage aus Europa hätten viele Entwicklungsländer plötzlich gar keine Chance mehr auf Soja-Importe. "Das ist Rassismus der besonderen Form", ereifert sich Niedeggen. Er selbst könne glücklicherweise auf eigenen Raps zurückgreifen.

In seiner Kritik nimmt er auch den Deutschen Bauernverband nicht aus. Die Funktionäre würden zu oft der jeweiligen Bundesregierung nahe stehen. "Die drehen ihr Fähnchen immer nach dem Wind", sagt der Landwirt. Nicht viel hält er von der jetzt immer wieder propagierten ökologischen Landwirtschaft. Wichtig sei allein das Vertrauen der Kunden in den jeweiligen Betrieb. Auf Gut Kerkow könne jedermann alle Frage stellen. Tatsächlich waren der eigene Hofladen und die Gaststätte, wo auch Rindfleisch angeboten wird, gestern gut besucht.

Umbau von heute auf morgen

Niedeggen, der seine Produkte mit sieben verschiedenen Gütesiegeln vertreibt, könnte seinen Betrieb von heute auf morgen auf ökologischen Landbau umstellen. "Ich müsste nur auf Chemie verzichten", sagt er. Aber ganz bewusst setzt er Pflanzenschutzmittel auf den Maisfeldern ein. Es handele sich um 50 Gramm pro 10 000 Quadratmeter. Das Schwefel-Stickstoff-Gemisch werde von den Pflanzen später aufgenommen und gelange nicht ins Grundwasser. "Wenn ich das Unkraut aber maschinell bekämpfe, blase ich Unmengen von Dieselabgasen in die Luft. Ist das vielleicht ökologisch?", fragt er. Wenn Kanzler Schröder jetzt so vehement gegen Chemie in der Landwirtschaft kämpfe, dann müsse er auch andere Wirtschaftszweige umkrempeln lassen. Aber es sei leichter, auf einem Berufsstand mit einer schwachen Lobby herumzuhacken. "Nur wenn die Politik mich zwingt, werde ich zum Öko-Landwirt", sagt Niedeggen.

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