Kultur : Ahnherr des Poptheaters

Video alles anfing: die John-Jesurun-Werkschau

Peter Laudenbach

Es wimmelt hier nur so von lustig-grellen Figuren. Einen Stierkämpfer gibt es und einen Pet-Shop-Boys-Hasser, einen Dicken mit scharfem Schnauzbart, die Comtessa und eine Anwältin mit Prinzipien: „Ich gehe nie nicht mit meinen Klienten in’s Bett. Ich bin Schweizerin, Vegetarierin, gegen Gewalt“. Und weil es sich um eine philosophisch und theatertheoretisch geschulte Bühnen-Soap handelt, wird gerne, wie man das bei Poptheaters unterm Sofa seit Urzeiten so macht, die Theatersituation mitgespielt. „Lass uns diese Szene beenden.“ Oder „spiel nicht so emotional“. Das alles wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn die Show im Haus der Berliner Festspiele nicht aus historischen Gründen ihren Reiz hätte.

Inszeniert hat sie der New Yorker John Jesurun (53), der spätestens seit er in Gießen als Lehrbeauftragter die Studenten der angewandten Theaterwissenschaft mit seinen anti-naturalistischen Spielen vertraut gemacht hat, als Stammvater des Poptheaters gelten darf. René Pollesch, damals Student in Gießen, hat bei ihm gelernt, dass emotionsloses Schnellsprechen über vieles hinweghelfen kann. Im Februar wird Jesurun im Berliner Volksbühnen-Prater inszenieren.

Auch die Spiele mit Videos, trashigen Star-Anspielungen („Mel Gibson hat abgesagt“) und Kopien kulturindustrieller Unterhaltungsformate (Soap) haben hier ihre Quelle. Mit anderen Worten: Jesurun ist schuld! Schuld daran, dass traditions- und formbewusste Frankfurter Kritiker bei jedem zweiten Theaterbesuch Anfälle von Zivilisationsekel bekommen, weil sie schon wieder Videos und Trash auf der Bühne ertragen müssen. So ist es im Sinne der theaterhistorischen Forschung wie der immer gern diskutierten Schuldfrage ein zu begrüßendes Projekt, dass die Berliner Festspiele Jesurun mit gleich drei Inszenierungen vorstellen.

Der Anblick ist rührend: Die Avantgarde von einst sieht aus wie eine liebenswürdige, schon etwas gebrechliche alte Dame, der man gerne über die Straße und von der Bühne helfen möchte. Die 58. Episode von Jesuruns seit zweiundzwanzig Jahren weitergeschriebener Soap „Chang in a Void Moon“ ist lustiger Zitat-Pop, Referenz-Kabarett für Fortgeschrittene samt jeder Menge gemütlich schrammelnder Rock-Klassiker. „Let’s spend the night together“, sagt der Torereo mit treuherzigem Augenaufschlag, „now I need you more than ever“.

Man streitet sich, weil jemand die Originalpartitur von „Dancing Queen“ gegessen hat, ein Film von einer nächtlichen Fahrt über den Ku’damm sorgt für weihnachtliches Lokalkolorit. Das ist alles lustig und etwas kindisch, nicht ohne Retro-Charme und erstaunlicherweise eine Uraufführung: „Den Text habe ich in New York auf dem Flughafen geschrieben, auf der Reise hierher“, sagt Jesurun zur Begrüßung. Eine andere Jesurun-Inszenierung, „Shatterhand Massacree“ von 1985, angeblich ein Klassiker, verbindet uninspirierte Bewegungsabläufe gekonnt mit der anti-naturalistischen Trickkiste (Wiederholungen, zerdehntes Sprechen, harte Schnitte mitten in der Szene etc.) und einer kruden Story. Vielleicht war doch nicht alles schlecht bei Peter Stein.

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