Ai Weiwei und Liao Yiwu in der Philharmonie : Meine Heimat ist ein Wasserfleck

In Deutschland über China sprechen: Ai Weiwei und Liao Yiwu in der Berliner Philharmonie. Dabei redet der Künstler eloquent und ironisch - und der Schriftsteller nippt am Flachmann.

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Befragter und Fragender. Ai Weiwei (links) und Liao Yiwu in der Philharmonie.
Befragter und Fragender. Ai Weiwei (links) und Liao Yiwu in der Philharmonie.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Schon während die beiden auf der Bühne der Philharmonie sitzen, findet im Netz eine Art Parallelaktion statt. Das Publikum fotografiert Ai Weiwei und Liao Yiwu, und Ai fotografiert munter zurück, postete auf Instagram und retweetet diverse Tweets. Wenn die grundsätzliche Trennung von redenden Künstlern und schweigenden Zuhörern dadurch auch nicht aufgehoben wird, schafft es vielleicht doch ein Bewusstsein dafür, dass sie in der fragwürdigen Intimität zweier Chinesen, die in Berlin ein Gespräch über ihre Heimat führen wollten, festen Erwartungen ausgesetzt sind.

Denn handelt es sich nicht um eine unwahrscheinliche Paarung: der Schriftsteller, der die Rolle des exilierten Dissidenten ganz und gar angenommen hat, und der nach Verhaftung und Jahren des Reiseverbots vermeintlich zahm gewordene Künstler? Geeignet nicht nur für ein Tribunal über China, sondern auch für eine Abrechnung untereinander, was der aufrechte Gang gegenüber einem Regime bedeutet, das im Zweifel jeden beugt.
Die Aufgaben dieser Avant-Premiere zum Internationalen Literaturfestival, das leider keinen einzigen chinesischen Autor eingeladen hat, der noch im Land lebt, sind von Anfang an klar verteilt. Liao Yiwu stellt die Fragen, Ai Weiwei antwortet. Es liegt aber nicht nur an den ungleichen Redeanteilen, dass er sich schnell als der weitaus Eloquentere, der Beweglichere und der Ironischere erweist – ein Mann, in dem sich eine spezifisch chinesische Diplomatie mit einem Talent zur Dialektik vereint. Manchmal durchzittert da, wo die des Chinesischen Mächtigen sitzen, ein erstes Lachen die Blöcke der Philharmonie, bevor es in der Übersetzung ein Echo findet.

Bedeutung von Heimat, Geschichte, Freiheit

Es rührt auch daher, dass er Liao, der zwischendurch gerne mal an seinem Flachmann nippt, so wenig schenkt wie dieser ihm. Du kommst ja gar nicht zum Zuge, attestiert er ihm einmal. Ob das wohl an einer gewissen Antipathie liege? Und Liao provoziert Ai mit dem Vorschlag, er solle doch sein Pekinger Atelier zum Flüchtlingszentrum umbauen. Worauf Ai Liaos Überidentifikation mit dem Flüchtlingsthema mit den Worten abschmettert: Ich sehe dich nicht als politischen Flüchtling. Du kannst dich von den Tantiemen deines Schreibens bequem alkoholisieren.

Der Grundton aber ist sachlich. Es geht um die Bedeutung von Heimat, Geschichte, Widerstand, Angst und Freiheit, und obwohl sie sich über das, was sie darunter jeweils verstehen, selten einig zu sein scheinen, ist Liaos Interesse aufrichtig, etwas von Ai darüber zu erfahren. Mit der Auskunft von Liao Yiwus Freundin Herta Müller, die einem ihrer Bücher den Titel „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ gegeben hat, kann er nur wenig verbinden – auch weil man Apfelkerne irgendwann ausspuckt. In einem Seil oder einem Wasserfleck erkennt er viel eher die Idee von Heimat. Im Übrigen sei er in Berlin gerade erst an einem Baum mit Früchten vorbei gekommen, der ihn an die Wüstenkolchose in Xinjiang erinnert habe, auf der er aufwuchs.

Die Menschen haben das eigene Denken verlernt

Eine mémoire involontaire. Seltsam leer fühlte er sich indes, als er während seiner Gefängniszeit das Bild des Vaters, des Dichters Ai Quing, bewusst in sich wachzurufen versuchte. Nach einer Woche, sagt er, sind mir die Erinnerungen ausgegangen, da habe ich begriffen, was es heißt, welche zu brauchen.

Es ist seine Art, Liao zu erklären, was er selbst einmal damit gemeint haben könnte, dass die Chinesen von ihrer Geschichte abgeschnitten seien – und woran er sich nun nicht erinnern will oder kann: Die Öffentlichkeit, sagt er, hat diesen Teil meines Gedächtnisses zensiert. Und Liao springt ihm bei, indem er darauf hinweist, dass China natürlich eine jahrtausendalte Geschichte habe, diese aber seit 1994, dem Aufbruch in eine neue Zeit, im bewussten Ausradieren einiger Episoden nicht mehr durchgehend vorhanden sei. So ausweichend sich Ai manchmal gibt: Er ist ein unmissverständlicher Verteidiger individuellen Ausdrucks.

Alles, was China im Hinblick auf seine glorreiche Entwicklung propagiere, sagt er, werde durch das seit den vierziger Jahren entstandene System der Zensur hinfällig. Die Menschen hätten das eigene Denken verlernt und könnten einander deshalb nicht mehr befruchten. Aber er ist auch zu dem ketzerischen, von DDR-Intellektuellen vertrauten Gedanken fähig, dass dieses System nicht verschwinden darf, weil es sonst nichts gebe, wogegen die Menschen andenken könnten.

Wenn ich weiter gefragt würde, müsste ich meine wahre Antwort verbergen

Ai betont überdies, dass seine Äußerung in einem „Zeit“-Interview, es sei „keine große Sache“, dass jüngst 200 Rechtsanwälte verhaftet wurden, aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Er will sie vor dem Hintergrund eines chinesischen Jahrhunderts verstanden wissen, in dem Millionen einfach vernichtet oder ums Leben gekommen seien. Wenn die Kommunistische Partei in den vergangenen 30 Jahren also ein Justizsystem eingeführt habe, das zwar keinen Rechtstaat, aber immerhin grundlegende Gesetze eingeführt habe, sei das eine bemerkenswerte Entwicklung. Es müsse jedem Anwalt aber klar sein, dass er Recht in einem Land vertritt, dessen juristisches System nur in Rudimenten vorhanden ist. Ai, der sechs der Anwälte persönlich kannte und von zweien vertreten wurde, gesteht zugleich: Wenn ich dazu weiter gefragt würde, müsste ich meine wahre Antwort verbergen.

Spöttischer kommentiert er die Aktion von Liao Yiwus Künstlerfreund Meng Huang, der 2012 aus Protest gegen die Auszeichnung von Mo Yan mit dem Literaturnobelpreis nackt durch den Stockholmer Dezemberschnee flitzte, um die Bankettgäste zu verschrecken. Aber was heißt schon, ein Ereignis zu verstehen? Im Jahr 2007, als er auf der documenta 12 mit aus Chinas Abrisswut stammenden Türen und Fenstern einen acht Meter hohen Holzturm unter dem Titel „Template“ gebaut hatte, den ein Unwetter zum Einsturz brachte, war er eine Weile konsterniert. Aber man dürfe da nichts hineininterpretieren, sagt Ai, und behaupten, dass dieser Stapel alter chinesischer Türen offenbar keinem modernen deutschen Gewitter standhalten konnte.

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