Kultur : Aids-Sondergipfel: Nicht immun

Barbara-Maria Vahl

Aids ist längst nicht mehr eine Krankheit, die nur einzelne Gruppen oder Nationen betrifft. Aids zerstört inzwischen das soziale Gewebe ganzer Gesellschaften, gefährdet erreichte Fortschritte in Entwicklungsländern und wird zu einer Bedrohung für politische Stabilität und Sicherheit. Die Zahlen der weltweit mit dem Immunschwäche-Virus Infizierten, der Erkrankten, der Gestorbenen und das Tempo der Weiterverbreitung berechtigen zu Begriffen wie Katastrophe oder Desaster. Vor diesem Hintergrund treffen sich die Vereinten Nationen (UN) vom heutigen Montag an zu einem dreitägigen Aids-Sondergipfel in New York. Es ist das erste Mal in der Geschichte der UN, dass sich ein solcher Gipfel mit einer einzigen Krankheit beschäftigt. 20 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist die Seuche zu einer globalen Bedrohung geworden.

Todesursache Nummer eins

Seit 1987 sind laut New York Times 30 Impfstoffe getestet worden. Und die Suche geht weiter. Aids hat Malaria als todbringende Krankheit Nummer eins in Afrika lange überrundet und kostet bei weitem mehr Menschen das Leben als die Kriege und Konflikte hier. Deshalb erscheint die Krankheit häufig als afrikanisches Problem. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in Südostasien, Lateinamerika und den karibischen Staaten die Ausbreitung rasant voranschreitet. In der Russischen Föderation sind allein im Jahr 2000 mehr als 50 000 Neuinfektionen registriert worden - das sind mehr als in den Jahren zwischen 1987 und 1999 zusammen.

Art und Ausmaß der durch Aids verursachten Folgeprobleme lassen sich heute am besten an Afrika ablesen und hochrechnen. Alle Sektoren gesellschaftlichen Lebens sind betroffen. Ein Bericht des US-Geheimdiensts CIA sagt eine demographische Katastrophe mit gravierenden Konsequenzen für zumindest die nächsten 20 Jahre voraus. In vielen afrikanischen Ländern ist laut UN die Lebenserwartung von um die 60 Jahre 1990 auf etwa 45 gesunken, sie sinkt weiter. Erste Konsequenz: Der Mittelbau der Gesellschaften, die Altersgruppe zwischen 20 und 45, verschwindet. Das bedeutet weniger Nachkommen und drastisch sinkendes Bevölkerungswachstum. In Afrika gibt es heute etwa 12 Millionen Aids-Waisen, weltweit werden es einem bisher unveröffentlichten Bericht zufolge 40 Millionen sein. Ihr Schicksal heißt größtenteils: Hunger, Elend, keine Ausbildung. In vielen stark betroffenen Ländern ist die Anmeldung an Grundschulen um bis zu 36 Prozent zurückgegangen: Eltern können Schulgeld und Bücher nicht bezahlen, wenn in der Familie jemand an Aids erkrankt oder der Brotverdiener gestorben ist. Kinder, insbesondere Mädchen, werden aus der Schule herausgenommen, weil sie als Arbeitskräfte oder zu Pflegediensten benötigt werden. Lehrer sterben schneller als neue ausgebildet werden können. Bildung als Mittel des "Empowerment" für Mädchen und entscheidender Aspekt der Armutsbekämpfung fällt weg.

Doch es gibt auch bescheidene Erfolge. In Uganda zum Beispiel konnte durch Aidsaufklärungsprogramme zusammen mit der Propagierung von Kondombenutzung die jährliche Neuinfektionsrate von 14 Prozent in den frühen 90er Jahren auf etwa 8 Prozent heute gesenkt werden. Auch Thailand, Brasilien und Kambodscha können auf Erfolge bei Pilotprojekten verweisen.

Aus dem Entwurf des Schlussdokuments für den Gipfel geht hervor, dass der Kampf gegen Armut, Unterentwicklung und Hunger fortgeführt werden muss, um den Teufelskreis der Weiterverbreitung des Virus zu durchbrechen.

Armut als Beschleuniger

Denn Armut wird von Experten als eine entscheidende Ursache für die rasche Ausbreitung des Virus angesehen. Hinzu kommen schlechte Bildung, mangelnde Aufklärung, unzureichende Gesundheitseinrichtungen. Männer verbreiten als Wanderarbeiter die Krankheit, und Witwen von Aidsopfern, die sich prostituieren, um ihre Kinder ernähren zu können. Diese Faktoren werden die Armut vertiefen und gefährden das auf dem Millenniumsgipfel im September 2000 gesteckte Ziel der Halbierung der Armut bis zum Jahr 2015. Am Ende dieses Gipfels soll deshalb ein konkreter Beschluss über finanzielle Hilfe für die am schlimmsten betroffenen Länder stehen, damit sie beschlossene Strategien im Kampf gegen Aids auch umsetzen können.

Kofi Annan hat in ungewöhnlich engagierter Form die Einrichtung eines Fonds vorgeschlagen, der jährlich 7 bis 10 Milliarden Dollar bereitstellen soll. Weltbank, Weltwährungsfonds und die Länder der G 8 haben der Idee schon zugestimmt, darunter als einer der ersten Bundesaußenminister Joschka Fischer. Ungeklärt sind aber noch die konkrete Ausgestaltung und die Frage, wann der Fonds operationsfähig sein könnte - all dies könnte auf dem G 8-Treffen im Juli in Genua geklärt werden.

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