• Aids-Sondergipfel: Vor dem Kollaps - Welche Folgen Aids für die weltweite Wirtschaft hat

Kultur : Aids-Sondergipfel: Vor dem Kollaps - Welche Folgen Aids für die weltweite Wirtschaft hat

Barbara-Maria Vahl

UN-Generalsekretär Kofi Annan fand am 1. Juni dieses Jahres vor der US-Handelskammer drastische Worte. "Aids ist ein beispielloser Alptraum", sagte er. In den am schlimmsten betroffenen Ländern, wo jeder vierte, fünfte Erwachsene infiziert ist, stehe der Kollaps der Produktivität in allen drei Wirtschaftssektoren (Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen) bevor - und damit der Kollaps öffentlichen und sozialen Lebens.

Die Krankheit führt zu häufigen und zum Teil langen Fehlzeiten am Arbeitsplatz und zu Verlusten an gut ausgebildeten, erfahrenen Arbeitskräften. Sie werden durch weniger gute ersetzt, was zu schlechterer Qualität der geleisteten Arbeit führt. Die Unternehmen, gleich ob kleine Betriebe oder große Firmen, müssen zusätzliche Aufwendungen für die Ausbildung neuen Personals und zugleich Sozialleistungen für die Erkrankten erbringen. Eine in Südafrika durchgeführte Studie veranschlagt diese Kosten mit etwa sieben Prozent der insgesamt gezahlten Gehälter. Hier gibt es schon Betriebe, die ihre Geschäfte in osteuropäische Länder auslagern, weil dort die Kaufkraft größer ist. Denn von Aids betroffene Haushalte verarmen - die Kaufkraft sinkt.

Zu viel Geld fließt in Bestattungen

Die Verarmung der Haushalte führt zu Konkurrenz um Ressourcen, etwa um Land. Das gesellschaftliche Gefüge gerät aus dem Gleichgewicht - ganzen Gemeinden, Regionen und Nationen droht der Bruch des sozialen Zusammenhalts.

Die landwirtschaftliche Produktivität in Afrika sinkt dramatisch. Dieser Sektor trägt mehr als ein Drittel zum Bruttosozialprodukt bei. Es gibt gleichlautende Einschätzungen von Weltbank, CIA und der UN-Entwicklungsbehörde UNDP, dass in Ländern mit einer Aids-Durchseuchungsrate von mehr als 20 Prozent das Bruttosozialprodukt um jährlich ein bis zwei Prozent sinkt, was bis zum Jahr 2020 eine Senkung um etwa 20 Prozent bedeuten wird. Gelder, die bisher für Investitionen frei waren, werden jetzt für Krankenpflege, Waisen-Fürsorge und Bestattungen gebraucht, heißt es in einem Weltbankbericht.

"Die Entwicklungshilfe muss aufgestockt werden", fordert UNDP-Mitarbeiter Hakan Bjorkman. De facto sei sie aber für die 28 am schlimmsten betroffenen Länder seit 1992 um ein Drittel gesunken. "Diese Länder müssten alle erdenkliche Hilfe erhalten, wie es nach gewaltigen Naturkatastrophen geschieht. Als erstes sollten ihnen ihre Schulden erlassen werden", fordert Bjorkman. Fast alle liegen in Afrika - an der Spitze Botswana mit einem Durchseuchungsgrad von 35,8 Prozent.

Wenn Märkte verschwinden

Die Industrienationen des Westens haben ein eigenes Interesse daran, sich des Aids-Problems in Entwicklungsländern anzunehmen. Ihr Argument Nummer eins: Mit dem Zusammenbruch nationaler Wirtschaften verschwinden Märkte, gehen Investitionsmöglichkeiten verloren. "42 Prozent des US-Exports gehen in Entwicklungsländer, und die negativen Folgen von Aids in Afrika für die amerikanische Wirtschaft dürften offensichtlich sein", warnte Kofi Annan vor der US-Handelskammer und drängte unverblümt: "Wirtschaftsleute sind gewohnt, entschieden und schnell zu handeln. Wir brauchen Ihre Hilfe - sofort."

Volkswagen Brasilien führte er als Firma mit beispielhaften sozialen Initiativen für Aids-Betroffene am Arbeitsplatz an. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) will beim Gipfel in New York einen Verhaltenskodex vorlegen, mit dem die Diskriminierung von Aids-Infizierten am Arbeitsplatz verhindert werden soll. 23 Millionen Menschen zwischen 15 und 49 Jahren sind betroffen, davon 540 000 Arbeitnehmer in Europa.

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