Kultur : Akademie der Künste: All That Jazz

Wenn Ernst Jandl ein Saxofon gewesen wäre, dann hätte er sich den häufigen Partnerwechsel gewünscht. Ernst Jandl war der deutschsprachige Dichter, der seine Jazzplatten mit dem Revolver verteidigte, Sie kennen das Foto vielleicht. Es ziert auch die Bildbiografie von Klaus Siblewski, "A Komma Punkt", die im Luchterhand Verlag erschienen ist. Eigentlich sollte das Buch ein Geschenk zu Jandls 75. Geburtstag werden, doch wenige Wochen zuvor, am 9. Juni 2000, starb der bedeutende Dichter in Wien. Siblewski ist Lektor beim Luchterhand Verlag und betreut seit zwanzig Jahren Jandls Werk, gerade hat er die Vorbereitung für das Jandl-Buch "Letzte Gedichte abgeschlossen, das im März erscheint. In der Ausstellung "A Komma Punkt", die heute um 20 Uhr in der Akademie der Künste eröffnet wird, gibt es Fotos aus Jandls Leben zu sehen, es gibt Gedichte zum Mitnehmen und es sind Hörkabinen aufgestellt, in denen man Jandls Gedichte lesen kann. Dazu erklingt gleichzeitig aus einem Lautsprecher, der an der Kabinendecke angebracht ist, Jandls Stimme. Wenn dann Jandls Calypso zu hören ist, fühlt es sich tatsächlich ein bisschen so an, als stände man unter einer Gedichtsdusche. Jandl war ein großer Jazzfan, Siblewski meint, dass diese Musik sogar der zentrale Impuls für Jandls Schaffen war. Die bild- und hörbiografische Jandl-Ausstellung "A Komma Punkt" ist bis zum 4. März in der Akademie der Künste zu sehen.

Die meistverkaufte amerikanische Jazz-CD des vergangenen Jahres war "Kind Of Blue" von Miles Davis. Im Frühjahr 1959 aufgenommen, wurde diese Platte zum definitiven Meisterwerk einer neuen Jazzsprache - der modalen Improvisation. Ihm war die Luft zu dünn geworden, hatte Miles erklärt, infolge des Bebop hätten sich zu viele Akkorde auf kleinstem Raum breit gemacht und den Improvisationen den Sinn genommen. Das vertikale Improvisieren entlang von Akkordfolgen war das übliche Gesprächsmuster bis dato, jetzt plädierte Davis für die Befreiung aus diesen Formen. John Coltrane, Tenor-Saxophonist der Davis-Band bei "Kind of Blue", machte gleichzeitig auf seiner eigenen Platte ein ähnlich dringendes Statement: "Giant Steps" hielt der Akkordfraktion im Jazz zum letzten Mal den Spiegel vor. Modal bedeutete aus Sicht der Hörer vor allem die Rückkehr zur Melodie, die Musiker kommunizierten nun im Rahmen zuvor festgelegter Tonskalen. Miles Davis wollte, dass sie in ihren Improvisationen dem Fluss der Melodie folgen sollten. Auf diese Weise gelang es, eine ganz bestimmte Atmosphäre zu gestalten.

Die "Kind of Blue"-Session war wie ein Experiment angelegt. Die Musiker kannten die Stücke vorher nicht, Davis hatte sie teils erst kurz vor dem Termin zu Papier gebracht, eigentlich nur skizziert, er wollte keine Proben, sondern "first takes", also keine Wiederholungen der Aufnahmen. Lediglich "Flamenco Sketches" findet sich auf der CD-Wiederveröffentlichung in zwei Versionen. Miles Davis beklagte sich später, dass es ihm bei "Kind of Blue" nicht gelungen war, das überwältigende und prägende Gefühl wieder einzufangen, das er als Kind gehabt hatte, als er die wahnsinnigen Gospelsongs aus der Kirche° hörte. Charles Mingus machte kurz darauf genau das: mit "Better Get It In Your Soul". Im Internet können Sie jetzt unter www.pbs.org/jazz die Geschichte zu "Kind Of Blue" lesen und hören.

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