Akademie der Künste : Ein Veteranentreffen

Statt intellektueller Höhe nur kleinliches Besserwissen: Die Diskussion zum Holocaust-Denkmal in der Akademie der Künste wurde nur selten interessant.

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Ein Veteranentreffen war zu vermuten bei der Podiumsdiskussion, zu der die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas am Mittwoch Abend in der Akademie der Künste am Pariser Platz eingeladen hatte. Ein Veteranentreffen war die Veranstaltung zum fünfjährigen Bestehen des Denkmal von der Besetzung her, mit Lea Rosh, der unermüdlichen Streiterin für die Errichtung während zweier Jahrzehnte, dem schlussendlichen Wettbewerbssieger und Architekten Peter Eisenman, dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann und der seinerzeitigen Vorsitzenden des Bundestags-Kulturausschusses, Elke Leonhard. Und tatsächlich wurde es ein Kampf ums Komma, den die vier da ausfochten - nichts von der intellektuellen Höhe, die die Debatte um Für und Wider eines solchen Denkmals einst ausgezeichnet hatte, sondern kleinliches Besserwissen, wie es denn im Detail zugegangen sei. Interessant - und belustigend - lediglich, wie sehr die Erinnerungen abwichen, und das nur fünf Jahre nach der Einweihung des Denkmals. Ganz nebenbei war das eine Lehrstunde über die Zuverlässigkeit von oral history: Im Zweifelsfall stimmt nichts. Erhellend die Sottise Eisenmans, ein Wettbewerbsteilnehmer habe damals bei Kanzler Kohl interveniert, um seine, Eisenmans Beteiligung zu verhindern - gemeint war offenbar Daniel Libeskind, der ja in der Tat als eine Art amtlicher Erinnerungsbaumeister auftrat.

Interessanter aus Sicht des Hier und Heute war die Frage, ob und wie viele Besucher sich auf die Intention des Denkmals einlassen. Eisenman sieht Menschen mit i-Pods und Blackberrys und konstatiert, man könne eben nicht mehr allein sein. Michael Naumann blickt von seinem neuen Büro direkt aufs Mahnmal hinab und sieht beinahe niemanden, der bis in die Mitte des Denkmals vordringt, sondern Bustouristen, die am Rande bleiben. Lea Rosh widersprach vehement, sie habe viele Menschen gesprochen, die vom Erlebnis des Denkmals bewegt gewesen seien. Am Ende einigten sich alle Diskutanten darauf, dass der "Ort der Information", der nachträglich ins Konzept eingefügte, "ungeheuer wichtig" sei, und Naumann, der bekanntlich weder vergisst noch vergibt, konnte dem Moderator Heinrich Wefing, heute "Zeit" und damals "FAZ", unter die Nase reiben, damals kategorisch gegen den "Ort" geschrieben zu haben, ohne die Beweggründe des Kulturstaatsministers zu kennen: "Sie hätten mich nur mal anrufen sollen!"

Interessant dann noch der letzte Diskussionspunkt: wie sich die historische Erinnerung durch die zunehmende Anzahl von Migranten verändert. Schwupp, waren sich Naumann und Rosh einig, dass Ghettobildung und Parallelgesellschaften bedrohlich zunähmen, "Buschkowsky hat recht!" Und Lea Rosh schob nach: "Multikulti ist gescheitert!" Dass sich Migranten hierzulande "die Gründungsgeschichte des Staates aneignen wie in den USA, das werden wir niemals erleben", merkte nun wieder Naumann an, ganz Europa-Melancholiker. Eisenman schloss die Runde mit einer philosophischen Bemerkung über die schwindende Dominanz visueller Kultur zugunsten der "oralen und taktilen". Und machte nochmals aufs Schönste deutlich, dass es ihm nie um das Gedenkpathos der Mahnmals-Betreiber zu tun war, sondern um ein ästhetisches Objekt. Eben den "Ort, an den man gerne geht", wie Kohl-Nachfolger Schröder es ausgedrückt hat, und wie es mittlerweile (geschätzte) acht Millionen Mahnmals-Besucher getan haben.

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