Kultur : Akademie der Künste: Feindbilder

Als die Flugzeuge in das World Trade Center stürzten, besichtigten Mitarbeiter der Akademie der Künste gerade die Baustelle des neuen Domizils am Pariser Platz. Sie brachen den Besuch ab und fuhren in den Altbau zurück. Unter dem Eindruck des Terrors geriet dort am Wochenende die Mitgliederversammlung zu einer Veranstaltung, die Ohnmacht und Denkmacht der Intellektuellen erbarmungslos bloßlegte. Das Meinungsspektrum war erstaunlich breit,die Dissonanzen noch nicht von jenen US-amerikanischen Raketen erschüttert, die am Abend auf Kabul und andere Städte niedergingen. Eine historische List hat der Berlin-Brandenburgischen Akademie die letzten Stunden der langsam abklingenden Erschütterung zugewiesen - und die der ängstlichen Erwartung.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Mäßigung war die Losung der Stunde, Mäßigung in Stil und Forderungen. Präsident György Konrád gab den Ton vor. Er hielt diesmal keine heiter-launige Treppenrede, sondern wägte im Saal bedächtig die Worte. Er, der sich im Kosovo-Krieg deutlich gegen die Bombardements der Nato ausgesprochen hatte, warnte wiederum vor dem Einsatz von Militär: Dies sei bei Attentätern ungeeignet, die sich unter Zivilisten mischen, und würde die Zahl der Opfer nur vervielfachen. Für sinnvoll hielt Konrád einen "auf Kenntnissen beruhenden und sich vertiefenden Dialog mit den islamischen Gesellschaften" - und "hartnäckige polizeiliche Aktivitäten" im Untergrund.

Bei manchen Einlassungen freilich schien die Mäßigung einfach nur die Kehrseite von Ratlosigkeit zu sein. Gern griff man zu den Versatzstücken linksliberaler Kritik, frei von deutlichen Anklagen: Christoph Hein äußerte seine Besorgnis, die Freiheitsrechte des gedruckten und geschriebenen Wortes könnten eingeschränkt werden. Günter Grass warnte wie eh und je vor der Einschränkung demokratischer Grundrechte im Kampf gegen Terror wie in der "Baader-Meinhof-Zeit", denn damit würde man das Geschäft der Mullahs besorgen.

In den guten alten Diskurszutaten klang eine neue Totalitarismusthese an: Islamische und autoritäre Staaten gleichen sich, neofaschistische und islamistische Kräfte finden Gefallen aneinander. Dank solcher Gleichsetzungen bekam das Unbekannte ein vertrautes Feind-Gesicht: der Springerstiefel unter dem Gewand. Mit Erkenntnis hat das nichts, mit Sehnsucht nach Bekanntem viel zu tun.

Anschauung allein führt allerdings ebenso wenig weiter. Hans Christoph Buch, der gerade aus der afghanischen Grenzregion zurückgekehrt war und dort mit einem geistigen Führer der Taliban gesprochen hatte, meinte, das "Böse" gefunden zu haben. Er forderte die militärische Beseitigung nicht nur von Terroristen, sondern des talibanischen Regimes.

Der Auftrag der Akademie lautet, in aller Unabhängigkeit die Politik zu beraten. Von dieser Herbsttagung kamen wenig neue Einsichten. Sternstunden kritischer Geister sehen doch anders aus.

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