Akademie der Künste : Politischer Körper

Der Pariser Platz lebt doch – und die Akademie der Künste erinnert an 1968. Das umstrittene Haus kann sich darüber freuen, jetzt auch öffentlich akzeptiert zu werden.

Bernhard Schulz

Eine Besucherschlange schiebt sich durch das Foyer der Akademie der Künste am Pariser Platz. Donnerwetter! Derlei erinnert man von gloriosen Veranstaltungen am Hanseatenweg, lange vor der Wende. Am Pariser Platz, im Glasbau von Günter Behnisch, herrscht ansonsten eher die Stille des Elfenbeinturmes. „Wir haben das Experiment gewagt“, erklärt denn auch Akademie-Präsident Klaus Staeck bei der gestrigen Jahrespressekonferenz, „mit der Zille-Ausstellung etwas Populäres zu machen – mit Inhalt!“ Der Inhalt, das ist der Fokus aufs Soziale bei Heinrich Zille, der ja seit 1924 Mitglied der Preußischen Akademie am selben Ort war.

Entspannt verlief die Programmvorschau auf 2008, gebettet auf den Erfolg des Vorjahres. Die Akademie, so Staeck, sei „auf einem guten Wege. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir fast alles erreicht“. 200 Veranstaltungen und 30 Ausstellungen hat die Akademie im verflossenen Jahr gestemmt, und das lange umstrittene Haus am Pariser Platz werde „jetzt auch öffentlich akzeptiert.“ Dafür spricht die von der Akademie angegebene Zahl von 126 000 Besuchern für 2007.

Im neuen Jahr folgt auf Zille der Rückblick auf das stürmische Jahr 1968. Unter dem Titel „Kunst und Revolte“ soll „neben der Aufarbeitung der Geschichte zugleich auch eine Neupositionierung für die Gegenwart versucht“ werden. Dazu soll mit 1968 zugleich auch 1989 in den Blick genommen werden, alles unter der anspruchsvollen Fragestellung, „wie die Künste an diesen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen partizipiert haben“. Nun ist ein Großteil der damaligen Protagonisten heute selbst Mitglied der Akademie, beispielsweise Michael Ruetz, der 1968 als Beteiligter und als Chronist auf die Straße ging.

Eine Ausstellung seiner Fotografien eröffnet Mitte April den Veranstaltungsreigen, der mit einem Gastspiel des legendären New Yorker „Living Theatre“, dem Tanzprojekt „Politische Körper“, einem Abend zur politisch engagierten Literatur mit Günter Grass und Volker Braun, einer „Nacht zur Neuen Musik“ und der das Jahr beschließenden Reihe „Zur Aktualität der Performancekunst“ alle Abteilungen einbeziehen wird. Die Frage, wo denn die Niederschlagung des Prager Frühlings und die anders gearteten Erfahrungen des Ostens mit 1968 blieben, wusste Staeck freundlich abzubiegen. Und wehrte jeden Verdacht einer „Westalgie“ ab: „Ich bin überhaupt kein 68er! Ich war ein Feindbild der 68er!“

Mit der Ausstellung „Notation“ im Herbst widmet sich die Akademie dem spröden Thema der persönlichen Zeichensysteme von Künstlern. „Die Hypothese dieser Ausstellung lautet, dass Kunst eine kontextuell relative Lesbarkeit bietet, die Wissen veranschaulicht“, heißt es im Programmblatt. Hoffen wir, dass die angekündigten Skizzen, Zettel, Partituren deutlicher für sich sprechen.

Erwähnenswert aus der beeindruckenden Fülle des Jahresprogramms ist schließlich das Projekt „100 Schüler – 10 Mitglieder“, das Schulen bundesweit die Möglichkeit geben will, die künstlerische Produktion kennenzulernen. Überhaupt müsse die „Vermittlung von Kunst und Kultur in breite Bevölkerungsschichten verstärkt“ werden, so der frühere SPD- Wahlhelfer Staeck – er sieht sich in diesem Bestreben mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) „auf einer Wellenlänge“. Wie gesagt, Klaus Staeck war nie ein 68er. Bernhard Schulz

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