Akademie der Künste : Von der Nachtigall lernen

Die Akademie der Künste wählt und feiert. Klaus Staeck wird als Präsident bestätigt und hält eine Treppenrede.

Andreas Schäfer
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Präsident Klaus Staeck. -Foto: ddp

Die traditionsreiche Treppenrede des bisherigen und neuen Präsidenten Klaus Staeck während der „Langen Nacht der Akademie“ weist – zur Freude der Zuhörer – Merkmale eines jung-wilden Gedankenspektakels auf: Staeck erwähnt so ziemlich alle in der Luft liegenden Medien- und Gesellschaftsphänomene, verknüpft sie hochvirtuos und kleidet den kämpferischen und aufklärerischen Impetus in eine quecksilbrige Selbstironie, die mit weiser Bitternis den sehr beschränkten Einfluss des Narren in einer verrückt gewordenen Welt reflektiert.

Mit Rückblick auf drei Jahre Präsidentschaft sagt Staeck zum Beispiel: „Zwar wird die Akademie im Blick von außen wieder durchweg positiv wahrgenommen, aber noch nicht häufig genug gehört. Vielleicht sollten wir von unseren Singvögeln lernen. Sie krakeelen immer lauter, um sich dem Lärm der Großstädte anzupassen. So singen die Nachtigallen in der Nähe von Autobahnen schon um bis zu 14 Dezibel lauter.“

Vorher haben die Mitglieder ihn und seine Stellvertreterin Nele Hertling wiedergewählt, „mit einem klaren Votum von 90 Prozent“. Auch sonst gibt es Positives zu vermelden: Volker Braun, von dem es hieß, er wolle sein Direktorenamt der Sektion Literatur aufgeben, macht doch weiter, unterstützt vom neu gewählten Stellvertreter Ingo Schulze. Conny Bauer stößt jazzige Begrüßungsfanfaren in seine Posaune, und dann legt Klaus Staeck auf der alten Treppe am Hanseatenweg los: „Die raue Wirklichkeit duldet keine Inseln der Seligkeit mehr, auch wenn die Politik immer noch zögert, energisch genug gegen die Zusammenrottung illegalen Kapitals in sogenannten Steuerparadiesen vorzugehen. Sie sind die wahren Piratennester jenseits der somalischen Küste.“

Aber nicht nur Finanzjongleure und Politiker, nicht nur die „Boni-, Bambi-, Bunte- und Bildgesellschaft“, auch die Künstler bekommen ihr Fett weg. Was machen diese, nachdem auch der Kunsthype vorüber ist? „Sie stehen wie so oft ratlos staunend am Wegesrand, winken traurig den fliehenden Sponsoren hinterher und lernen Vater Staat neu zu schätzen, der bisher die öffentliche Kulturförderung nicht infrage stellt.“ Staeck setzt noch eins drauf: „In all dem Gebalge um Millionen und Milliarden rückt eine Frage ins Zentrum der Begierde: Was ist alles ,systemrelevant‘? Könnte die Akademie, sollte es wider Erwarten hart auf hart kommen, mit der Hypo Real Estate um dieses Attribut konkurrieren? Muss man erst völlig verschuldet sein, um in dieser Kategorie gelistet zu werden?“

Bei so viel Unklarheit im Großen ist es gut, die Grundlagen zu klären. Die Steuerzahler, sagt Staeck, leisten sich diese Akademie. „Nicht als kulturelle Wärmestube, sondern als Ort der Reflexion und der Auseinandersetzung.“ Es ist eine furiose Rede, zuspitzend und leidenschaftlich. Wie bitter nötig die Akademie einen solchen Präsidenten hat, beweist eine Stunde später der Hauptakt der Langen Nacht. Denn das Problem ist noch immer, dass die Institution Akademie nun mal eine Neigung zu formelhafter Repräsentanz hat, in der ungeheuerliche Beharrungskräfte einem Aufbruch entgegenzuwirken scheinen.

Günter Grass spricht mit dem türkischen Schriftsteller kurdischer Abstammung Yasar Kemal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und politischer Aktivist, der häufig im Gefängnis saß. Das ist dann, bei allem Respekt vor der Lebensleistung der großen Autoren, genau die Einkuschelei, die es nach Staeck gar nicht geben dürfte. Man sagt wiederholt und langatmig, für wie bedeutend man den anderen erachtet, und jeder hält obendrein ein Referat über die Geschichte der eigenen Sprachen und Literaturen. Zwei Monumente reden aneinander vorbei – was auch daran liegt, dass es keine Simultandolmetscher gibt und der Moderator Osman Okkan den Ausführungen Kemals fünfzehn Minuten andächtig lauscht, bevor er sie ins Deutsche übersetzt.

Möglicherweise irrt Staeck. Vielleicht will der Steuerzahler genau das, eine Stube, in der man sich an der Ehrfurcht wärmt. Wie bei einem Parteitag brandet nach jedem bekannten Grass-Satz („Ich wollte den Mächtigen in die Suppe spucken!“ oder „Wir brauchen kulturelle Vielfalt!“) Applaus auf. Andreas Schäfer

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