Akademie für Alte Musik : Die Unerhörten

Mozart und seine Zeitgenossen: Die Akademie für Alte Musik verschafft im Berliner Konzerthaus vergessenen Komponisten und Musikhits ihrer Zeit Gehör: denen, ohne die die großen Meister nicht denkbar sind.

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Primi inter pares. Die Akademie für Alte Musik Berlin.
Primi inter pares. Die Akademie für Alte Musik Berlin.Foto: Promo

Erst bei Mozart, bei seinem G-Dur-Violinkonzert KV 216, erschließt sich der ganze Sinn dieses Abends. Erst hier kommt die bewährte, wie immer kreislaufanregend beschwingte Manier der Akademie für Alte Musik ganz zu sich, mit der sie Orchesterklang ohne Geschmacksverstärker zu generieren weiß. Auf diese Weise entsteht ein munterer, gleichwohl schlanker, aparter Mozart, der sich ehrlich macht: leichtfüßige Wiener Klassik, mit blanken Nervenenden. Carolin Widmanns Adagio-Kadenz beginnt mit einem Flageolett wie aus hauchdünnem Glas – die Geburt des Sentiments aus der Schutzlosigkeit. Die Maxime der historischen Aufführungspraxis, das Vibrato auf ein Minimum zu reduzieren, steht ganz im Dienst des musikalischen Augenblicks und der Dynamik, die sich daraus entfaltet. Im Großen Saal des Berliner Konzerthauses ist es so still, dass ein einsamer Huster oben im Rang die Verletzlichkeit solchen Musizierens zusätzlich hervorhebt.

Die Akademie für Alte Musik möchte diesmal aber vor allem den Unbekannteren Gehör verschaffen, den nicht ganz so meisterlichen und dennoch respektablen Kompositionen von Mozarts und Bachs Zeitgenossen, Böhmisches zumeist. Ein Fagott-Doppelkonzert von Johann Baptist Vanhal, ein Violinkonzert von Franz Benda mit pfiffigem Presto-Finale, eine Solo-Violinsonate von Johann Georg Pisendel ... Erst wenn auch die Sterne der „zweiten und dritten Größe“ zu schimmern anfangen, so das Goethe-Motto des Programms, „wird die Welt und die Kunst reich“.
Nun mag es musikhistorisch erhellend sein, auch die modische Feel-Good-Musik des 18. Jahrhunderts auf Originalinstrumenten aufzuführen. Aber wenn schon das Werk selber weniger Genie aufweist, dann wünschte man sich wenigstens einen satten, reichhaltigen Klang. Nichts da: Der schlanke Originalton wird flach und kantig, das dialogische Spiel zwischen Solisten und Ensemble mit Frage und Antwort, Echoeffekt und da capo als Indiz für Einfallslosigkeit kenntlich. So viele Wiederholungen hier...

Das funktioniert nur bei Leopold Anton Kozeluchs rasanter g-Moll-Sinfonie als Rausschmeißer – allein die Verve der Akademisten rehabiliert das ambitionierte, gefällige Werk von 1787 und macht begreiflich, warum es zum Hit des damaligen Publikums wurde. Konkurrenz belebt das Geschäft: Ein Jahr später schrieb Mozart seine g-moll-Sinfonie. Ich und die Welt, der Star und das Kollektiv, der Meister und die Routiniers, sie brauchen einander. Umso trefflicher, dass Carolin Widmann bei Kozeluch als prima inter pares unter den ersten Geigen mitspielt.

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