Kultur : Akademie im Glück

KATRIN HILLGRUBER

Berliner Archiv übernimmt Nachlaß von Heiner und Inge MüllerVON KATRIN HILLGRUBERDie Stadtbücherei Frankenberg nannte als Grund für das Ausscheiden ihrer technischen Hilfskraft Heiner Raimund Müller: "keine Lust mehr".Hans Mayer, Ende 1961 noch Professor in Leipzig, ermutigte dem jungen Dramatiker nach dessen Ausschluß aus dem Schriftstellerverband der DDR mit einem Brief: Das inkriminierte Stück "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" sei als Weiterentwicklung der Brechtschen Dialektik eine "ernste und begabte Sache".Heiner Müller verfaßte später eine Selbstkritik, aus der seine Eigenart des Sich-Entziehens bei grundsätzlicher Zustimmung zum System sprach: "Ich glaubte, das Stück würde mit allen Mängeln, die ich damals allerdings mehr geahnt als gesehen habe, politisch nützlich sein."Vier Vitrinen in der Berliner Akademie der Künste zeigen Fundstücke aus dem Nachlaß von Heiner Müller und seiner zweiten Frau Inge.Die Akademie konnte den etwa 130 000 Blätter zählenden Bestand nach zweijährigen Verhandlungen und Vorbereitungen übernehmen."Ein glücklicher Archivdirektor sitzt vor Ihnen", bekannte Wolfgang Trautwein bei der Vorstellung des Nachlasses.An der für den Erwerb notwendigen "sechsstelligen Summe" hätten sich unter anderem die Kulturstiftung der Länder, die deutsche Klassenlotterie und die Lotto-Stiftung Brandenburg beteiligt.Ausdrücklich dankte Trautwein Müllers Witwe Brigitte Mayer für die "menschlich erfreuliche und freundliche Zusammenarbeit"; er distanzierte sich von der "Mühle der klassischen Witwenschelte".Brigitte Mayer schilderte die Odyssee des 70 laufende Meter umfassenden Materials von der Müllerschen Plattenbauwohnung, wo es in einer Regennacht bei Dachdeckerarbeiten fast überflutet worden wäre, über die "Mauser"-Panzerschränke im Tresorraum einer Bank bis in den vollklimatisierten Betonkern des Archivgebäudes der Akademie am Robert-Koch-Platz.Der Nachlaß sei nun dort, wo er hingehöre.Besonders verwies sie auf die 20 000 hinterlassenen Blätter der Dichterin Inge Müller.Es gelte einen Schatz zu bergen.Heiner Müller war seit 1983 Mitglied der Akademie der Künste der DDR gewesen, seit 1986 auch Mitglied der westlichen Akademie.Als Ost-Präsident hatte er im Herbst 1989 eine entscheidende Rolle inne.Akademiepräsident György Konrád erinnerte sich schmunzelnd an Spaziergänge mit Müller, bei denen ihm etwas "vom tiefen Deutschtum" klargeworden sei.Der hochkarätige und erlesene Bestand werde auch nach dem Einfluß der Zeitgeschichte auf das Werk intensiv befragt werden, sagte Trautwein.Der Vizedirektor der Stiftung Archiv, Volker Kahl, hat ein Jahr angesetzt, um die Materialfülle von der ersten Notiz bis zur Druckfassung "genetisch" zu ordnen.Zu Müllers 70.Geburtstag am 9.1.99 will die Akademie ein Projekt anhand des Nachlasses präsentieren, auch sollen die Archivalien rasch für die Arbeit an der Gesamtausgabe nutzbar gemacht werden.

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