Kultur : Akademie ohne Wiederkehr

Eine

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von Marius Meller

Einen Nobelpreis für Physik hat noch keiner abgelehnt. Die Literaten ticken da anders. Ein Literaturnobelpreis scheint für manche eine beträchtliche Belastung zu sein. 1964 lehnte der Philosoph und Schriftsteller JeanPaul Sartre den ihm zugesprochenen Nobelpreis für Literatur ab. Aus philosophischen Gründen: „Der Mensch ist verdammt, frei zu sein.“ Einen Nobelpreis ablehnen – das ist ein Akt der Freiheit. Sartre verteilte lieber irrsinnige Flugblätter, die Reklame für Mao Tse-Tung machten. Aber einen Nobelpreis abzulehnen, ist nicht so einfach, wie man denkt. Die Nobelpreis-Stiftung führt nach wie vor den Philosophen in ihrer Laureaten-Liste – vor der Ewigkeit ist es für sie unbedeutend, ob jemand seinen Preis haben will oder nicht.

Auch aus der Institution, die für die Auswahl der Literaturnobelpreisträger zuständig ist, kann man nicht einfach austreten. In die Königlich Schwedische Akademie wird man auf Lebenszeit aufgenommen. Es gilt das Regelwerk von 1786, das der damalige Monarch König Gustaf III. festlegte: Auch wenn ein Mitglied seinen Austritt erklärt, bleibt das Mitglied Mitglied. Nur der Tod scheidet von der Akademie. Ahnte etwa Gustaf III. etwas von den speziellen Schwierigkeiten bei literarischen Preisverleihungen?

Zwei der nominell 18 Mitglieder, von denen heute sechs über 80, fünf über 75 und zwei über 70 sind, erklärten bereits 1989 ihren Austritt – ohne Wirkung. Einmal Mitglied, immer Mitglied. Zwei Tage vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreises am Donnerstag erklärte nun der 82-jährige Literaturwissenschaftler Knut Ahnlund seinen Abschied von der Akademie. Ihn verärgerte der letztjährige Nobelpreis für die österreichische Autorin Elfriede Jelinek, die den Preis zwar annahm, aber nicht zur Preisverleihung nach Stockholm reisen wollte. Ihre Literatur verunglimpfte er in einem ausführlichen Zeitungsartikel als „jammernde und lustlose Gewaltpornografie“ voller „sinnloser Aggressivität“ und „von aufgeblasenem Umfang“. Er bezweifelte, dass die Akademie-Kollegen auch „nur einen Bruchteil“ von Jelineks 23 Büchern gelesen hätten. Ob die Vermutung zutrifft, wird man vorerst wohl nicht erfahren. Denn eine weitere eherne Nobel-Regel besagt, dass 50 Jahre lang Stillschweigen über die Sitzungen bewahrt werden muss.

Man kann davon ausgehen, dass auch ein abgelehntes Stillschweigen für die Königlich Schwedische Akademie als Stillschweigen gilt.

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