Kultur : Akademikerschwund: Mangelzustände an den deutschen Unis

Bärbel Schubert

Nach dem Informatikermangel und der Green-Card-Debatte herrscht jetzt auch noch Lehrermangel. Dabei war lange absehbar, dass ein Generationenwechsel an den Schulen bevorsteht. Und die nächste Lücke kündigt sich in der jüngsten Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) schon an: Auch Studienanfänger wird es nach einer Schätzung der KMK immer weniger geben. Damit ist der akademisch ausgebildete Nachwuchs in seiner ganzen Breite betroffen - wenn Politik und Wirtschaft nicht bald in der Bildungspolitik umsteuern.

Grafik: Studienberechtigte und -anfänger

Die Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Darüber herrscht inzwischen auch unter den Kultusministern Einigkeit wie selten. Für eine andere Weichenstellung drängt die Zeit. Bis zum Jahr 2008 steigen die Schulabgängerzahlen von den Gymnasien noch, schätzt die KMK. Danach wirkt sich der Bevölkerungsrückgang aus. Pro Jahr sinkt dann bundesweit die Schulabgängerzahl zwischen sechs und 13 Prozent. Dann sind zusätzliche Anstrengungen und eine bessere Ausbildung nötig, um prozentual mehr Jugendliche bis zu einem Schul- und Berufsabschluss zu führen. Oder es müssen noch mehr Fachkräfte aus dem Ausland geholt werden.

Die ständig wiederkehrenden Warnungen vor einer Akademikerschwemme und eine unzureichende Studienfinanzierung haben in den letzten Jahren immer mehr junge Leute von einem Studium abgeschreckt. Gingen Anfang der 90er Jahre noch 82 Prozent der Abiturienten von der Schule zur Hochschule, sind es heute nur noch 68 Prozent. Besonders diejenigen mit Fachhochschulreife haben verzichtet, wie die KMK- Untersuchung zeigt. Das sind vor allem Kinder aus ärmeren Elternhäusern oder so genannte "Bildungsaufsteiger", deren Eltern keine akademische Ausbildung haben. Die Studienneigung nahm bei den Jugendlichen mit Fachhochschulreife in den letzten zehn Jahren von 73 auf nur noch 53 Prozent ab. Bei den Gymnasiasten fiel die Trendwende nicht ganz so scharf aus: Statt 84 Prozent nahmen von ihnen noch 73 Prozent ein Studium auf, allerdings mehr an Fachhochschulen als früher.

Bei den Universitäten indes scheint die Botschaft noch nicht angekommen zu sein: Die Juristen versuchen massiv, ihr Studienplatzangebot um ein Drittel zu reduzieren. Zum Ärger der Kultusminister. "Was in Jura mit dem ersten und zweiten Staatsexamen ausgebildet wird, deckt bei weitem nicht den gesellschaftlilchen Bedarf an Rechtswissenschaftlern", kommentiert NRW-Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) den Vorstoß.

"Als Nächstes kommen die Mediziner", meint Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) und ist sich mit dem rheinland-pfälzischen Kultusminister Jürgen Zöllner (SPD) völlig einig: "Keine Reform auf Kosten von Verdrängungseffekten". Die Kultusminister wollen die Ausbildungsplätze erhalten und sehen den Bedarf am Arbeitsmarkt auch künftig nicht schwinden. Der Erfolg der Universitäten wird allerdings bisher auch dadurch beeinträchtigt, dass sie eine hohe Abbrecherquote produzieren. Als Folge verlassen heute kaum mehr junge Leute die Universität mit einem Abschluss als vor 20 Jahren.

Die Kultusministerkonferenz erstellt ihre "Prognose der Studienanfänger, Studierenden und Hochschulabsolventen" bereits zum zweiten Mal. Beim ersten Mal hatte sie die Erwartungen an eine weitere Zunahme der Studentenzahl schon erheblich gedämpft. Basis der Prognosen ist die Fortschreibung der bisherigen Bedingungen, also zunächst einmal beispielsweise die Hochrechnung der Studienanfängerzahlen, falls sich von den künftigen Abiturienten anteilig genauso viele für ein Studium entscheiden wie bisher.

Die OECD hat mit ihren Untersuchungen in den letzten Jahren immer wieder auch auf Mängel im deutschen Bildungssystem verwiesen. Dazu gehören die Schwächen im Mathematik- und Naturwissenschaftsunterricht der Schulen. Diese Ergebnisse wurden damals mit einem Aufschrei über die Untersuchungsmethoden und die Schwächen der Gesamtschule quittiert. Die Folgeprobleme zeigten sich dann im Studentenmangel dieser Fächer. Es ist nur folgerichtig, dass dann auch die Fachkräfte in diesen Berufen fehlen. All das fällt um so schwerer ins Gewicht, als die meisten anderen Industrieländer in der gleichen Zeit Deutschland bei der Bildungsbeteiligung überrundet haben. Länder wie Frankreich, aber auch Polen liegen mit Studierquoten über 40 Prozent vorn. Wenn Deutschland aufschließen will, braucht es ein bildungsfreundlicheres Klima.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben