Kultur : Akira Ogatas fulminanter Erstling

Jan Schulz-Ojala

Ein Film in der großen Tradition japanischer Kinematographie und dennoch immer ökonomischJan Schulz-Ojala

"Schließt eure Augen", sagt der Chorleiter vor jeder Probe, und einmal, wie zur Begründung: "Der Gesang ist aus dem Schweigen geboren." Ein schöner Satz. Auch gute Dialoge - diese Assoziation verbietet der Film nicht, im Gegenteil, er löst sie ein - sind aus dem Schweigen geboren: all dem nämlich, was man verwirft, bevor man spricht, all dem, was man ungesagt sein lässt, damit die Sprache klingt. Und gute Filmmusik ebenso: aus der Überlegung, was unterbleiben muss, damit das, was man grundieren will, auch wirkt. Und erst recht die Bilder: Sind die besten unter ihnen nicht aus dem Dunkel geboren - aus der tiefen Bescheidenheit des Künstlers, der verwirft und verwirft, um endlich zu zeigen?

So gesehen, ist "Knabenchor", der fulminante Erstlingsfilm von Akira Ogata, in erster Linie ein Film über die Kunst, einen kunstvollen Film zu machen. Einer, der - neben seiner Geschichte, in der wiederum eine feine Summe, nie eine Überfülle großer Themen steckt - vom Zwang zur ästhetischen Disziplin erzählt. Einer, der 130 Minuten dauert - und zum Beispiel eine dramaturgisch perfekt vorbereitete Kernszene, großer Auftritt des Chors bei einem minuziös vorbereiteten Wettsingen, einfach weglässt. Und, siehe da, sie fehlt nicht. Ein Film in der großen Tradition japanischer Kinematographie, dramatisch, wuchtig, furchtlos existenzielle Fragen stellend. Und dennoch immer ökonomisch.

Dabei könnte das mikrokosmische Universum, in der Ogata seinen Film ansiedelt, formal exotischer nicht sein. Ein Internat auf dem Lande, mit Posters deutscher Komponisten an der Klassenwand wie aus dem Künstlerquartett, ein katholisches Internat (in Japan!) obendrein; mit dem ewigen Rohbau einer Holzkirche im Schulhof, mit Lehrern, die früher mal die Revolution gepredigt haben und jetzt sehr undogmatische Priester sind; mit einem eigensinnigen Jungschüler, der die Wiener Sängerknaben vergöttert und eines Tages einer von ihnen sein will; schließlich mit einem scheuen Stotterer, der soeben seinen Vater verloren hat und nun als Waise hinzustößt in diese Welt am Ende der Welt.

Dieser Junge, Michio (Atsushi Ito), ist zutiefst verstört, weil sein Vater kurz vor seinem Tod nur eine Frage gestellt hat: "Was war das?" - und er bezieht die Frage ebenso auf die landläufige Vermutung, alle Sterbenden erlebten einen Flashback, als auf das Leben überhaupt. Was war das? War da was? Und es verschlägt ihm die Sprache. Er stottert. Er stürzt in die fremde, strenge Gemeinschaft der Schule, in der selbst im Schlafsaal die Arbeitstische unmittelbar neben den Betten stehen, und ist sofort Außenseiter. Nur einer ist da, der ihn annimmt, Yasuo (Sora Toma), der Träumer von der Sängerknabenkarriere.

Nur: Knaben werden erwachsen, und ihre Stimme geht verloren. Oder nur ihre Kinderstimme - und ihre Kindheit, ihr großes kleines 15-jähriges Leben ein einziger Flashback? Auch davon erzählt dieser Film, eine zweifache coming-of-age-Geschichte, eine anrührende Freundschaftsgeschichte. Und am Ende wird Michio die Frage seines Vaters zwar nicht beantwortet sehen, aber in ihrer irritierenden Tiefe begriffen haben.

Lassen Sie den Film weg, wenn Sie es eilig haben auf dem Festival. Wenn sie es eilig haben, zu den Wörtern, den Bildern, der Musik zu kommen, die ihnen aus so vielen Filmen entgegendröhnen. Na, gehen Sie schon.

Heute 21 Uhr (Royal Palast), morgen 20 Uhr (International)

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