Kultur : Akko und Tsodilo

Thomas Veser

Dass weniger manchmal mehr ist, hat das Unesco-Welterbekomitee bei seiner Wintersitzung in Helsinki unter Beweis gestellt. Dort gab das Pariser Komitee die Aufnahme von 31 neuen Welterbestätten bekannt, gerade halb so viele wie im Vorjahr. Schon seit Jahren ermahnt die Unesco die Unterzeichnerstaaten zur Mäßigung, um das inflationäre Wachstum der auf nunmehr 721 Einträge angestiegenen Welterbeliste zu bremsen - mit geringem Erfolg.

Bei der letztjährigen Sitzung hatte das Komitee eine grundlegende Reform des Bewerbungsverfahrens angekündigt: Von 2002 an gibt der Ausschuss seine Entscheidungen im Sommer bekannt. Mehr als 30 neue Stätten pro Jahr will die Weltorganisation künftig nicht zulassen. Länder sowie Welterbekategorien, die auf der stark europazentrierten Liste untervertreten sind, sollen künftig bevorzugt behandelt werden.

Erstmals gelangte Israel mit zwei Nominierungen auf die Liste, mit der Hafenstadt Akko als ehemaliger Hauptstadt des kurzlebigen Kreuzfahrerreiches sowie der Bergfestung Masada, deren jüdische Verteidiger bei der Einnahme durch römische Truppen im Jahre 70 n. Chr. kollektiven Selbstmord begingen. Auch der südafrikanische Staat Botswana ist mit der Buschmann-Kultstätte Tsodilo erstmals vertreten. Insgesamt erhielt Afrika vier Neuaufnahmen. Allerdings hält der schwarze Kontinent auch seit Jahren den Rekord auf der "Roten Liste des bedrohten Welterbes": Rund die Hälfte der durch Zerfall oder Kriege gefährdeten Stätten liegt südlich der Sahara.

Europa hat sich diesmal zurückgehalten und damit günstige Voraussetzungen für den geforderten "Reformgeist" geschaffen: So reichte Listenführer Spanien, das mit 36 Einträgen Italien überholt hat, lediglich die Kulturlandschaft von Aranjuez zur Aufnahme ein. Noch im Vorjahr war es Madrid gelungen, von sechs Anträgen fünf auf die Liste zu bekommen.

Seit Jahren klagt das Welterbekomitee darüber, dass zu wenig Industriedenkmäler und Naturstätten vorgelegt werden. Großbritannien ist nun in ersterer Kategorie gleich mit drei Neuzugängen vertreten: In der englischen Industrielandschaft Derwent Valley wurde 1769 der mechanische Webstuhl erfunden, Saltaire (Yorshire) gilt als vollständig erhaltene Mustersiedlung eines philantropischen Unternehmers, das schottische New Lanark schließlich erinnert an den Unternehmer und Sozialreformer Robert Owen, der den größten Teil seines Vermögens in ein für damalige Verhältnisse fortschrittliches Gemeinwesen mit kostenloser Schule und unentgeltlichem Gesundheitsdienst investierte.

Deutschland hat für die Essener Zeche Zollverein den Zuschlag des Komitees erhalten. Und das Alpenland Schweiz, bisher mit vier Kulturstätten mit starkem Mittelalterbezug vertreten, durfte mit der Nomination des Aletsch-Bietschhorn-Gebietes in den Kantonen Wallis und Bern einen ersten Erfolg feiern.

Staaten, die künftig vorrangig Naturstätten vorschlagen, so ließdas Komitee durchblicken, würden bei der Zuteilung des prestigeträchtigen Unesco-Labels besonders berücksichtigt. Insgesamt wuchs der Anteil des natürlichen Erbes um sechs Neueinträge, darunter zwei in Brasilien, wo allerdings die wirtschaftliche Nutzung in den bereits nominierten Gebieten oftmals nicht im Einklang mit den Schutzbestimmungen steht. Mit der Ernennung des Gebietes um den Neusiedler See, Mitteleuropas einzigem Steppennationalpark, schuf die Unesco schließlich die erste grenzübergreifende Kulturlandschaft zwischen Österreich und Ungarn.

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