Kultur : Akkord der Farben

„Aus dem Augenrund“: Emilio Vedova in der Galerie Jan Wagner

Ronald Berg

Emilio Vedova ist aus ganzem Herzen Venezianer. Nicht nur, dass er 1919 in der Lagunenstadt geboren wurde und bis heute dort lebt – die bewegten Wasserspiegelungen, die ihn umgeben, haben ihren Weg auch in seine Bilder gefunden. Venedig ist für Vedova aber mehr als eine beschwingte Lebensform, schließlich birgt die Stadt eine der reichsten Schulen der Malerei: Die künstlerische Auseinandersetzung mit Tiepolo stand dann auch am Anfang der Karriere des jungen Autodidakten in den Dreißigerjahren.

1942 schließt sich Vedova der antifaschistischen Künstlergruppe „Corrente“ an, in den beiden letzten Kriegsjahren wird der Zweimetermann sogar zum Partisan. Vedovas künstlerische Durchbruch kommt nach dem Krieg: Er gibt den Neorealismo auf und wird zum Pionier und bedeutendsten Vertreter des Informell in Italien, auch wenn seine Bilder anfänglich im Titel noch von „Kampf“ und „Konzentrationslagern“ handeln. Vedovas Malerei setzt nun die Weg in die Freiheit auf andere Weise fort. In den Sechzigern verlässt der Künstler das quadratische Format des klassischen Tafelbildes zugunsten von runden Bildformen, schließlich wachsen sich die hölzernen, mit Scharnieren oder Seilen verbundenen Bildträger zu frei im Raum stehenden Gebilden aus.

Sieben dieser „Plurimo“-Bilder mit dem Titel „Absurdes Berliner Tagebuch ’64“ hat Vedova kürzlich der Berlinischen Galerie geschenkt, die ihn im Herbst dafür mit einer Ausstellung ehrte. Vedova kam 1963 auf Einladung des Berliner „Artists in Residence“-Programms in die Stadt und versuchte bis 1965 im ehemaligen Atelier von Arno Breker im Grunewald Antworten auf den „Zusammenprall widersprüchlicher Situationen“ zu geben, so seine Einschätzung über die damalige Lage in der Mauerstadt.

Joachim Sartorius, heute Chef der Berliner Festspiele, lernte 1987 Vedova kennen, als Luigi Nono ihm seinen Freund in Venedig vorstellte. Eine Begegnung mit Folgen: Die jetzt in der Galerie Jan Wagner gezeigten Blätter entstammen einer gemeinsam entwickelte Mappe von Sartorius und Vedova aus dem Jahr 2000. Unter dem Titel „Aus dem Augenrund“ beziehen sich fünf Gedichte von Sartorius auf die Arbeit des Malers. Vedovas Aquatinta-Blätter sind wild, dynamisch und impulsiv. Die gestischen Notate leuchten weiß aus der Tiefe des schwarzen Bildgrunds. Erst bei näherer Betrachtung offenbaren sich ihre unendlich differenzierten Variationen. Es schwirrt und vibriert ohne dabei jemals kakophonisch zu werden.

Bei den übrigen Gouachen in der Ausstellung arbeitete Vedova schwarz auf weiß: Es wird gekratzt, verschmiert, schraffiert – aber eben nicht deliriert. Stets bleibt die Komposition locker und durchsichtig. Oft hat es den Anschein, der illusionäre Tiefenraum dieser Papierarbeiten (13 700 Euro) wäre von Landschaften inspiriert, Ansichten, die wie aufgelöst in den Wellen einer Lagune schaukeln. Das gilt auch für „Emergency“, das zwei mal zwei Meter große Hauptwerk (132 000 Euro) in der Ausstellung. Im aggressiven Farbakkord von Schwarz und Gelb auf Leinwand gemalt, setzt sich im Fließenden der Farbe und im Gestischen der Hand etwas ins Werk, was Worte nur andeuten können. Aber genau das scheint die Fortsetzung jenes Drangs nach Freiheit zu sein, um das es Vedova immer und mit allen Mitteln gegangen ist.

Galerie Jan Wagner, Goethestraße 73, bis 28. Februar; Dienstag bis Freitag 15-18 Uhr. Während der Feiertage nach Vereinbarung unter Tel.: 0173/9231230.

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